Einmal dabei zu sein, wenn ein so genannter Mastercut (Folienschnitt) entsteht, der schließlich das "Ur-Master" einer jeden Schallplatte ist, das ist wohl für jeden Vinyl-Fan ein Wunsch-Gedanke. Wir von Vinyl-Fan.de haben die Freude gehabt, genau dies bei der Firma Supersense in Wien zu erleben und konnten uns den gesamten Entstehungsprozess genauer ansehen.
Vinyl-Fan zu Besuch bei Supersense in Wien
Bevor ich über unseren Besuch bei Supersense berichte, möchte ich noch auf die Review und die Hintergründe zu einer Archival Tape No. 17 Mastercut von Sonny Rollins hinweisen (Link). Darin wird klar, dass wir hier nicht von Vinyl sprechen! Aber mehr dazu auch in diesem Bericht weiter unten.
Montag, 23. März 2026 | Kurz nach 11 Uhr wurden wir von Florian "Doc" Kaps, dem Gründer von Supersense und wenige Minuten später auch von CEO Cornelius Ballin vor dem prachtvollen, im venezianischen Stil erbauten Palast des Dogenhofs in der Wiener Praterstraße herzlich empfangen. Schon in diesen ersten Minuten wurde die entspannte und freundliche Atmosphäre deutlich, die uns auch in den folgenden Stunden mit den anderen Mitarbeitern dieses Unternehmens begleiten sollte.
Als wir durch das Restaurant des Dogenhof in die Räume von Supersense gelangten, war klar, dass hier so einiges anders war als man so erwarten könnte: ein großer offener Raum, zum Restaurant nur durch einen dicken Vorhang getrennt, beherbergt eigentlich schon fast alles, was für die Entstehung der so beeindruckenden Mastercuts benötigt wird. Gleich nach dem Eingang stehen die riesigen Standlautsprecher und Mono-Entufen von Burmester - Teile der Höranlage für die Präsentation der Mastercuts. Hier finden auch regelmäßig Veranstaltungen statt, bei denen man sich einen Eindruck von den Mastercuts verschaffen kann.
Geradeaus befinden sich zwei alte Druckmaschinen aus den 1960/70er Jahren, mit denen die Drucke für den Schuber und Innenleben hergestellt werden. Nach guter alter Schriftsetzer-Manier wird hier noch der Geist des traditionellen Druckhandwerk am Leben gehalten und mehr noch: diese Vintage-Produkte sind qualitativ richtig klasse und machen ein haptisch wunderbaren Eindruck. Der dort gerade tätige Druckmaschinen-Mastermind Ema zeigte uns geduldig, wie das Ganze funktionierte.
Etwas weiter links kommt ein Nebenraum - genannt "Studio", das Herzstück der Produktion - ebenfalls offen zum Hauptraum. Und da begrüßte uns schließlich Martin, der Herr über die drei Schneideanlagen, die dort standen. Wir kamen gerade zum Zeitpunkt, als der neueste Titel der Archivar Tape Edition geschnitten wurde: die No. 027 Billie Holiday "At The Jazz Philharmonic"! Diese 1945/46 aufgenommenen Live-Mitschnitte erschienen einst im Jahre 1954 als 10" bei Clef Records - und nun demnächst bei Supersense als Mastercut.
Martin zeigte uns, wie so so ein Folienschnitt abläuft und erklärte alle Details zu den drei Maschinen, darunter auch eine Neumann AM32B. Die beiden anderen Schneidemaschinen waren Eigenkonstruktionen, natürlich auch aus alten Komponenten aufgebaut. Das Tonband lief unterdessen auf einer Studer A80 - ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser bewährten Tonstudio-Technik der vergangenen 70 Jahre der Schallplatten-Herstellung, die bei Supersense zum Einsatz kommt.
Um nun zu verdeutlichen, wovon ich hier eigentlich die ganze Zeit spreche, noch einmal eine kurze Erklärung, was denn nun eigentlich diese Mastercuts sind:
Das, was auf diesen drei Schneideanlagen entsteht, sind Folienschnitte, die Grundlage für die Herstellung von Vinyl-Schallplatten.
Solche Lackfolien, wie sie in diversen Schneidestudios - etwa bei SST in Frankfurt oder Emil Berliner Studios - geschnitten werden, kommen dann in die Presswerke, wo sie über einen Galvanisierungsprozess für die Pressung einer Schallplatte benötigt werden. Die Lackschnitte, die bei Supersense das Licht der Welt erblicken, sind jedoch nicht für die Schallplatten-Industrie gedacht, sondern für den Erwerb und die Benutzung von Musikliebhabern, die höchste Qualität zu schätzen wissen. Diese Schnitte - Mastercut genannt - können also von jedem normalen Plattenspieler abgespielt werden!
Alle sonst folgenden Schritte für die Herstellung einer Schallplatte entfallen bei einen solchen Mastercut also. Das, was man hier erlebt, ist also quasi der ungefilterte und unbearbeitete Umschnitt des Masterband, welches seinerseits eine Eins-zu-Eins-Kopie des Original-Masterband aus den Archiven der Plattenlabels darstellt. Ursprünglicher kann man demnach eine Schallplatte nicht hören.
Zurück in die Räume von Supersense.
Nachfolgend seht ihr noch ein paar Fotos von den bereits existierenden Mastercuts in den Vitrinen und dem Lager für die Tonbänder und den fertigen Mastercuts, die auf die Versendung an Schallplatten-Liebhaber in aller Welt warten. Wir verabschiedeten uns schließlich von dem Team dieser Wiener Manufaktur, das mit Leidenschaft und viel Liebe Produkte für uns herstellt, die mehr als nur eine Schallplatte darstellen: ein sensitives, originales Hörerlebnis für einen bleibenden Musikgenuss.
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