Die Rohstoffe für die Herstellung von Vinyl-Schallplatten werden nicht unbegrenzt verfügbar sein: Erdöl, der wichtigste Ausgangsstoff, ist endlich. Zwar gibt es Wege aus diesem Dilemma – doch sie tragen nicht den Namen Vinyl.
Müssen wir uns also Sorgen um die Zukunft unserer geliebten Schallplatten machen? Und muss ich meinem Blog womöglich einen neuen Namen geben? Diesen und weiteren Fragen geht dieser Bericht (Stand Herbst 2023) nach.
Neue Rohstoffe für die Schallplatte - weg vom Erdöl
Nicht erst seit den jährlichen UN-Klimakonferenzen wird weltweit darum gerungen, welche Maßnahmen zur Verringerung von Treibhausgasen umsetzbar sind – und anschließend auch eingehalten werden. Von den großen Vorhaben bis zu den kleinen Schritten sind wir alle noch ein gutes Stück entfernt, manche mehr, manche weniger. Auch wir Vinyl-Fans verdrängen gerne, dass die Produktion einer Schallplatte alles andere als umweltfreundlich ist. Müssen wir sie deshalb verbannen und auf den Kauf neuer LPs verzichten? Nun, vielleicht muss es nicht so weit kommen.
Eines lässt sich festhalten: Die Schallplatte zählt zu den nachhaltigsten Tonträgern überhaupt. Sie ist langlebiger als nahezu alle anderen Medien und landet nur selten im Müll. Viel eher findet sie ihren Weg auf den Gebrauchtmarkt – oft über mehrere Besitzer und Generationen hinweg. Auch beim Musikstreaming wird häufig unterschätzt, wie viel Energie dafür benötigt wird.
Zurück zur Schallplatte: Bislang ist Erdöl ein wichtiger Rohstoff für die Herstellung des konventionellen PVCs, das bei Vinyl-Schallplatten zum Einsatz kommt. Zwar wird bereits seit Längerem mit unterschiedlichen Rezepturen und Materialien experimentiert, doch kaum eine davon lieferte bislang wirklich zufriedenstellende und dauerhaft verlässliche Ergebnisse. Dennoch wird an verschiedenen Orten weiter geforscht. Ein Unternehmen präsentiert nun nicht nur ein überzeugendes, marktreifes Produkt aus alternativen Materialien, sondern geht zugleich einen weiteren, entscheidenden Schritt:
BioVinyl von optimal media
Der entscheidende Unterschied zu anderen Unternehmen, die ebenfalls mit biobasierten Materialien experimentieren oder diese bereits einsetzen, ist die ISCC Plus-Zertifizierung (International Sustainability & Carbon Certification). Sie bewertet die Nachhaltigkeit entlang der gesamten Liefer- und Produktionskette. Es reicht also nicht aus, bei der Herstellung eines Produkts – in unserem Fall der Schallplatte – nur einen einzelnen Aspekt zu betrachten. Entscheidend ist das Gesamtbild. Dazu gehören auch Plattencover, die in diesem Werk zu 100 % aus Recyclingmaterial bestehen, der Bezug von Strom aus erneuerbaren Energiequellen sowie die Rückführung und Nutzung der Abwärme der Pressmaschinen.
Damit geht optimal media, das Presswerk in Röbel, einen Schritt voraus. Nach eigenen Angaben ist das Unternehmen weltweit das erste ISCC Plus-zertifizierte Presswerk. Ein wesentlicher Schritt in Richtung Zukunft der Schallplatte ist das sogenannte BioVinyl, das bei optimal media nach umfangreichen Tests und Experimenten zum Einsatz kommt.
Was ist BioVinyl?
Das obere Schaubild zeigt die grundlegenden Bestandteile, die für die Herstellung einer konventionellen Vinylschallplatte erforderlich sind. Das neue BioVinyl besteht aus chemisch identischen Komponenten, ersetzt jedoch fossiles Erdöl durch recycelte Rohstoffe – beispielsweise aufbereitete Altspeiseöle oder zurückgewonnenes CO2 aus Industrieabgasen.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Der Begriff „BioVinyl“ ist nur bedingt zutreffend. Es handelt sich weder um Schallplatten aus bis zu 100 % Biomaterial noch um kompostierbare Produkte. Hergestellt wird vielmehr chemisch identisches S-PVC auf Basis recycelter Ausgangsstoffe. Dabei wird Erdöl unter anderem durch pflanzliche Öle und wiedergewonnenes CO2 aus industriellen Abgasen ersetzt.
Konventionelle Copolymere kommen weiterhin zum Einsatz. Auch in diesem Bereich sind jedoch bereits erste Schritte hin zu biologisch basierten Alternativen möglich.
Streng genommen ist die Bezeichnung „BioVinyl“ daher nicht ganz präzise, da sie ohne zusätzliche Erläuterung leicht falsche Erwartungen wecken kann. Als griffiger Begriff für diese nachhaltigere Vinyl-Alternative hat sich die Bezeichnung jedoch etabliert – auch wenn „ÖkoVinyl“ womöglich treffender wäre.
ReVinyl von optimal media
optimal media verwendet für das ReVinyl recyceltes Vinylgranulat aus eigenem Hause, also PVC, welches bei der LP-Produktion sonst als Abfall angefallen wäre (Randabschnitte, aussortierte Virgin Vinyl-Platten, bei denen das Papierlabel ausgestanzt wurde). Dies wird zu Granulat verarbeitet und eben wieder für das ReVinyl verwendet. Möglich sind sowohl klassisch schwarze sowie farbige Pressungen.
Der Hör-Test
optimal media hat mir ein Set an Schallplatten zur Verfügung gestellt, das mir einen Vergleich mit verschieden hergestellten LPs ermöglicht. Das Besondere daran (so etwas gibt es sonst nirgendwo!): hier lagen vier verschiedene LPs mit verschiedenen Materialien vor, die identische Musikbeispiele mit gleich laut geschnittenen Musikpegel haben! Der Vergleich ist daher mit optimalen Bedingungen möglich.
Ich habe die LPs bei gleicher Lautstärke angehört und noch eines zusätzlich getan:
Das Musikbeispiel auf Seite 1 hörte ich mir bei allen vier LPs im nagelneuen und ungewaschenen Zustand der Platten an. Seite 2 dagegen erst nach einer intensiven Reinigung sowohl mit zwei hochwertigen Plattenwaschmaschinen (1x Flächensauger, 1x Ultraschall).
Die vier gelieferten LPs unterscheiden sich wie folgt:
1. Eine Standardpressung mit Virgin Vinyl
2. Eine farbige ReVinyl, gepresst mit 100-prozentigem Recyclingmaterial
3. Eine schwarze ReVinyl, gepresst mit 100-prozentigem Recyclingmaterial
4. Ein BioVinyl, das mit recyceltem Biomaterial gepresst wurde
Virgin Vinyl
Seite 1 (noch nicht gewaschen): sehr geringes Rauschen und Knistern,
Seite 2 (gewaschen): bei höherer Lautstärke kaum wahrnehmbares bzw. bei normaler Lautstärke kein Rauschen oder knistern.
ReVinyl farbig
Seite 1 (noch nicht gewaschen): deutlich höheres Rauschen
Seite 2 (gewaschen): deutliches Rauschen und knistern
ReVinyl schwarz
Seite 1 (noch nicht gewaschen): etwas geringeres Rauschen als bei grün, aber höher als bei Virgin oder Bio.
Seite 2 (gewaschen): leicht rauschen, kaum knistern
Bio Vinyl
Seite 1 (noch nicht gewaschen): sehr geringes Rauschen und Knistern, Bässe kommen etwas weniger intensiv als bei Virgin Vinyl.
Seite 2 (gewaschen): Rauschen und Knistern sehr gering.
Anmerkung hierzu:
Farbiges ReVinyl ist ein Mix aus allen möglichen Farben, auch aus solchen, die für ein etwas höheres Grundgeräusch bekannt sind. Man kann es also nur eingeschränkt mit schwarzem Granulat vergleichen. Auch die Granulate für BioVinyl und Virgin Vinyl stammen nicht von den gleichen Lieferanten.
Nach der Plattenwäsche schwinden die Unterschiede, sowohl beim Rauschverhalten als auch bei klanglichen Aspekten. Das ReVinyl hatte tonal scheinbar eine etwas geringere Auflösung als beide anderen Varianten, es fehlten mir geringfügig die feinsten Spitzen. Eine subjektive Wahrnehmung zwar, aber sie hat sich bei mehrmaligen Auflegen wiederholt. Auch eine sehr intensive Reinigung hat hier keine Besserung gebracht.
Hingegen zeigte das schwarze ReVinyl beim Titel auf der A-Seite, wenn so etwa nach einem Drittel des Stückes intensive Kontrabässe und Bratschen einsetzen, eine wuchtigere und tiefer hinabreichende Abbildung der Instrumente.
Das Bio Vinyl hat von der Reinigung nicht profitiert, das geringe Rauschen bzw. Knistern ist etwa gleich dem Hörvorgang ohne Plattenwäsche. Klanglich hingegen ist es ähnlich wie bei schwarzem ReVinyl im Bassbereich intensiv, im Detailreichtum vergleichbar mit dem Virgin Vinyl.
Unter dem Strich betrachtet, haben Virgin Vinyl und das BioVinyl klanglich und von der Laufruhe betrachtet, die bessere Performance. Dass das BioVinyl nach der Plattenwäsche weniger bis gar nicht profitiert hat wie etwa das Virgin Vinyl, ist zwar interessant, vermutlich aber eher den normalen Eigenheiten bei Vinyl-Schallplatten zuzuschreiben. Denn da es chemisch zum normalen Virgin Vinyl identisch ist, sollte da kein Unterschied bestehen. Die generell von mir gehörten leichten akustischen Differenzen sind wohl auf die unterschiedlichen Granulate herrühren, die laut optimal media auch von verschiedenen Herstellern stammen.
Langzeiterfahrungen werden zeigen, wie sich das BioVinyl etablieren wird und welche Erfahrungen die Vinyl-Fans damit machen. Im übrigen ist das BioVinyl in verschiedenen Farben möglich.
In jedem Fall halte ich das BioVinyl für einen richtigen Schritt in die Zukunft.
Die Alternative für Schallplatten: PET statt PVC
Es gibt noch einen weiteren Weg zur Herstellung einer Schallplatte, der technisch gesehen bereits alt ist: das Spritzgussverfahren. Es wurde unter anderem bei Polygram eingesetzt, damals allerdings nur für Singles. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte darüber, dass Unternehmen auch mit Schallplatten experimentieren. Besonders bekannt ist Green Vinyl Records. Dort wird jedoch nicht Vinyl als Grundmaterial verwendet, sondern PET – ein Kunststoff, der ebenfalls aus fossilen Ressourcen gewonnen wird.
Nach Angaben des Unternehmens ist der Energieaufwand deutlich geringer als bei der konventionellen Pressung. Ein konkreter Vergleich der Energiebilanz entlang der gesamten Produktions- und Lieferkette dürfte allerdings schwierig sein; entsprechende Zahlen wurden bislang nicht veröffentlicht. Zudem ist in den vorliegenden Informationen noch nicht beschrieben, wie die Stamper hergestellt werden. Denn auch dieser Prozess ist keineswegs ökologisch. Sobald ich dazu Näheres erfahre, werde ich hier im Blog berichten.
Spannend für uns Vinyl-Fans ist, dass auch in Deutschland – genauer gesagt in Gütersloh – eine neue Produktion mit dieser Technik entstehen soll. Sonopress hat ein entsprechendes Projekt ins Leben gerufen und steht bereits in den Startlöchern. Unter dem Namen EcoRecords, angesiedelt unter dem Dach von Warner Music, sollen ebenfalls Schallplatten im Spritzgussverfahren produziert werden. Wir dürfen gespannt sein. Sobald Muster vorliegen, werde ich darüber berichten.
Auch dies ist ein weiterer Schritt hin zu klimagerechteren Produktionen und dazu, die Schallplatte zukunftsfähig zu machen.
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