Honduras Geschichte: "Dolce Vita" von Louis Matute

Louis Matute | Foto. Nadia Tarra | Review im Vinyl-Fan Blog

Dolce Vita – eine Schallplatte über das "süße Leben"? Nicht ganz. Der Schweizer Gitarrist Louis Matute entführt uns mit seinem neuen Werk in eine fesselnde Geschichte, verpackt in ein emotionales und mitreißendes musikalisches Erlebnis. Mit "Dolce Vita" erwartet Vinyl-Liebhaber gleich zu Beginn des Jahres 2026 ein echtes künstlerisches Highlight!

Review: Louis Matute - Dolce Vita (LP, Vinyl)



Trackliste


Seite 1

1. Santa Marta
2. Le jour où je n'aurai d'autre désir que de partir
3. Náo me convém
4. Les veines noires de son cou
5. Tegucigalpa 72

 

Seite 2

6. O que é o amor?
7. Gringolandia
8. I'll See You Soon
9. Dolce Vita
10. Lençois de chuva

Louis Matute - Dolce Vita (LP, Vinyl)


Die musikalische Welt Lateinamerikas ist reich und facettenreich – eine Vielfalt, die auch in Honduras, der einstigen Heimat der Familie des Schweizer Jazz-Gitarristen Louis Matute, zum Ausdruck kommt. Seine neue LP "Dolce Vita" fängt diese kulturelle Fülle eindrucksvoll ein.

 

Doch diese künstlerische Reise ins mittelamerikanische Herzland ist für Matute weit mehr als ein musikalisches Experiment: Es ist eine persönliche Hommage an die dramatische Geschichte seiner Familie. Die Platte greift die ergreifende Erzählung von Louis’ Großvater Carlos Humberto Matute auf, der mit seiner Familie vor der damaligen Diktatur fliehen musste.

 

Die musikalische Vielseitigkeit von "Dolce Vita" speist sich nicht nur aus einer Bandbreite verschiedener Stilrichtungen, sondern vor allem aus der künstlerischen Vielfalt der zehn Eigenkompositionen, die Matute selbst geschrieben hat. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Bläsersektion und die Perkussion, während Matutes Gitarre sich meist dezent im Hintergrund hält – und wenn sie in den Vordergrund tritt, dann mit umso größerer Wirkung. Sechs der Stücke sind rein instrumental, bei den restlichen vier bringen prominente Stimmen wie die brasilianischen Sängerinnen Joyce Moreno und Dora Morelenbaum, die französische Jazzsängerin Gabi Hartmann sowie der Rapper Rico TK zusätzliche Farbe in das Album.

 

Der entspannte Rhythmus des Openers "Santa Marta" vermittelt zunächst Leichtigkeit, doch der melancholische Unterton lässt aufhorchen: das Stück erinnert an ein Massaker in den Bananenplantagen von Santa Marta. Das poetisch betitelte "Le jour où je n'aurai d'autre désir que de partir" beginnt mit karibischen Einflüssen, wandelt sich jedoch zu einer virtuosen Jazznummer, die von einem atemberaubenden Saxofon-Solo eingeleitet wird. Der hypnotische Beat verleiht dem Stück eine packende Dynamik. In "Não me convém" bringt Dora Morelenbaum mit ihrer Stimme ein unverkennbares brasilianisches Flair ein.

 

"Les veines noires de son cou" überrascht mit fast futuristischen Klangwelten, während "Tegucigalpa 72" an die Energie einer Karnevalsnummer erinnert. Doch gerade hier verbirgt sich ein wütendes Statement gegen den einstigen Diktator Oswaldo López Arellano. Im Gegensatz dazu ist "O que é o amor?" sanfter und ruhiger; Joyce Moreno verleiht dem Stück mit ihrem Charme eine angenehme Wärme, die von einem heiteren Saxofon kontrastiert wird. "Gringolandia" wiederum glänzt mit einer verzerrten Gitarre und dem ausdrucksstarken Pianospiel von Andrew Audiger.

 

In "I'll See You Soon" bringt Rico TK mit seiner rauen Stimme eine sinnliche Stimmung ins Spiel, während Bläser, Hammondorgel und Perkussion ein lockeres Zusammenspiel formen. Das Titelstück "Dolce Vita" überrascht mit einem klaren und eindrucksvollen Gitarrensolo von Matute, das von der Hammondorgel und einem stoischen Rhythmus begleitet wird. Den poetischen Abschluss bildet die Ballade "Lençois de chuva", bei der Gabi Hartmann mit ihrem gefühlvollen Gesang einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

 

Dolce Vita – das süße Leben – steht für Genuss und das bewusste Erleben besonderer Momente. Matutes LP schenkt uns musikalisch genau das: eine Fülle an berührenden und mitreißenden Momenten. Doch hinter diesen Klängen verstecken sich auch Geschichten voller Trauer, Wut und Hoffnung, welche die Realität und das Schicksal seiner Familie in Honduras widerspiegeln. Dass Louis Matute diese tiefgehenden Erinnerungen in ein so kunstvolles und bewegendes Werk verwandelt hat, zeugt von seinem außergewöhnlichen Talent. Kein Wunder, dass er bereits als eine der spannendsten Entdeckungen des zeitgenössischen europäischen Jazz gefeiert wird.


Fakten


• Veröffentlichung: 9. Januar 2026

• Label: naïve

• Katalog-Nummer: BLV9003

• Pressung: 

• Pressqualität*: 3

• Inhalt: 150g Vinyl

• Besonderheit: Innenhülle bedruckt

• Aufnahmen: La Frette Studios in Frankreich

• Genre: Jazz, Latin

Besetzung


• Louis Matute - E-Gitarre

• Andrew Audiger - Klavier, B3, Keyboards

• Léon Phal - Tenorsaxophon

• Zacharie Ksyk - Trompete, Posaune

• Virgile Rosselet - Kontrabass

• Nathan Vandenbulcke - Schlagzeug, Percussion

• Valentin Liechti - zusätzliche Percussion

• Robin Girod  zusätzliche Gitarre

• Dora Morelenbaum - Vocals (Track 4)

• Joyce Moreno - Vocals (Track 7)

• Rico TK - Vocals (Track 9)

• Gabi Hartmann - Vocals (Track 11)


Bewertung: 4 Sterne
1 Stimme

* Pressqualität 1-5:
1= starke Nebengeräusche, deutlich sichtbare Pressfehler
5= keinerlei Nebengeräusche, optisch perfekt



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