Platte des Monats Oktober: "Rites" von Jan Garbarek

Jan Garbarek | Foto: Roberto Masotti / ECM Records

Sollte es noch eines letzten Beweises für die Genialität von Jan Garbarek bedürfen, dann liefert das nun vorliegende Vinyl-Album "Rites" ihn auf eindrucksvolle Weise. Man sitzt vor dem Plattenspieler und bekommt unweigerlich Gänsehaut. Der Grund ist ebenso schlicht wie berührend: traumhaft schöne Musik, die tief verborgene Emotionen weckt. Der herausragende Klang der erstmals erhältlichen Vinyl-Ausgabe unterstreicht die Sonderstellung dieses Albums im ohnehin erstklassigen Katalog von Garbareks Schallplatten.

Review: Jan Garbarek - Rites (2 LP, Vinyl)



Trackliste


Seite 1

1. Rites 8:27
2. Where the rivers meet 7:01
3. Vast plain, clouds 5:53
4. So mild the wind, so meek the water 6:09

Seite 2

5. Song, tread lightly 7:40
6. It's OK to listen to the gray voice 6:43
7. Her wild ways 6:44
8. It's high time 3:31

Seite 3

9. One Ying for every Yang 6:32
10. Pan 6:11
11. We are the stars 5:00
12. The moon over Mtatsminda 3:57

Seite 4

13. Malinye 6:19
14. The white clown 3:44
15. Evenly they danced 5:14
16. Last rite 8:24


Leise pulsierende Klänge, verfremdete Geräusche aus einem indischen Dorf und schwebende Synthesizer-Flächen eröffnen ein Album, das selbst gemessen an den hohen Maßstäben Jan Garbareks außergewöhnlich ist. Wenn schließlich das Saxofon mit beinahe klagendem Ton einsetzt, stehen die Nackenhärchen des Hörers unweigerlich auf Habacht. Schon das Titelstück "Rites" macht deutlich: Die 16 Kompositionen dieser Doppel-LP nehmen einen ganz eigenen Platz in der Diskografie des Norwegers ein.

Während Bugge Wesseltoft bereits im ersten Stück seine hohe Kunst unter Beweis stellt, präsentiert sich „Where the Rivers Meet“ kraftvoll und mit einer aufreizend eleganten, schönen Melodie. Marilyn Mazur legt mit Cymbals und Toms ein wuchtiges Fundament. Wer diesen beiden 8:27 beziehungsweise 7:01 Minuten langen Stücken staunend gelauscht hat, darf sich bei „Vast Plain, Clouds“ und „So Mild the Wind, So Meek the Water“ entspannt zurücklehnen und das traumhafte Zusammenspiel von Garbarek, Rainer Brüninghaus, Eberhard Weber und Marilyn Mazur genießen.

In diesem 1998 zunächst nur auf CD erschienenen und nun auch auf Vinyl erhältlichen Werk reflektiert Jan Garbarek Erinnerungen und prägende Ereignisse seines Lebens. Dazu gehört auch Don Cherry, dem er mit einer herrlichen Interpretation von dessen Komposition „Malinye“ ein Denkmal setzt – mit Wesseltoft am Akkordeon! Auch die nordische Volksmusik dient mehreren Stücken dieser Doppel-LP als kreative Quelle: etwa „It’s High Time“, bei dem man sich mitten auf einem afrikanischen Volksfest wähnt, oder „Song, Tread Lightly“, das mit seinen flötenartigen Klängen und der Percussion zunächst wie ein folkloristisches Stück aus den Anden wirkt.

Garbarek zählt zu jenen Musikern, die den Begriff „Weltmusik“ mit substanziellen Beiträgen gefüllt haben. So ist „We Are the Stars“ die beeindruckende Vertonung eines Gedichts der Passamaquoddy, eines indigenen Volkes Nordamerikas. Die jungen Mitglieder des norwegischen Chors Sølvguttene tragen mit ihren Stimmen entscheidend zur emotionalen Wirkung dieses Stückes bei. Das gilt auch für den zweiten Titel mit Gesang, „The Moon over Mtatsminda“: Der georgische Sänger Jansug Kakhidze interpretiert hier nach einer schweren Herzoperation gemeinsam mit dem Tbilisi Symphony Orchestra ein tief berührendes Stück.

Neben den faszinierenden Keyboard-Sounds Wesseltofts – herausragend in „Evenly They Danced“ – ist es auf diesem Album vor allem Rainer Brüninghaus, der am Piano immer wieder betörende Momente schafft. Besonders eindrucksvoll gelingt dies in einem meiner Lieblingsstücke: „It’s OK to Listen to the Gray Voice“, dem Titelsong seines Albums von 1984, der hier in einer neuen Interpretation erklingt. Im Verlauf der beiden Platten wechselt Garbarek immer wieder zwischen Sopran- und Tenorsaxofon. Dabei drängt er sich nie in den Vordergrund, sondern lässt seinen Mitspielern viel Raum und setzt seine Akzente mitunter nur punktuell.

Diese exzellente Darbietung voller ethnischer Einflüsse und atemberaubend schöner Melodien profitiert außerordentlich von der hohen Kunst des Tonmeisters Jan Erik Kongshaug. Seine Aufnahmen im Rainbow Studio in Oslo bilden die klangliche Grundlage für ein absolutes Highlight in der ohnehin erstklassigen Diskografie Jan Garbareks.
Platte des Monats Oktober 2026 – erschienen als Teil der ECM-Reihe Luminessence im hochwertigen Tip-On-Style-Klappcover.


Fakten


• Veröffentlichung: 16. Oktober 2026

• Label: ECM Records

• Katalog-Nummer: ECM 1685

• Pressung: Record Industrie

• Pressqualität*: 4

• Inhalt: 2x 140g Vinyl, achtseitiges Booklet

• Besonderheit: Klappcover im Tip-On Style

• Aufnahmen: März 1998 durch Jan Erik Kongshaug im Rainbow Studio in Oslo, Norwegen

• Genre: Jazz, Contemporary Jazz, World

Besetzung


• Jan Garbarek - Soprano Saxophone, Tenor Saxophone, Samplers, Percussion

• Rainer Brüninghaus - Keyboard, Piano

• Eberhard Weber - Bass

• Marilyn Mazur - Percussion, Drums

• Bugge Wesseltoft - Synthesizer/Electronic Effects, Accordion

• Choir Sølvguttene

• Jansug Kakhidzes - Vocals

• Tbilisi Symphony Orchestra


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5= keinerlei Nebengeräusche, optisch perfekt



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