Ein Album wie dieses muss man erst einmal sacken lassen. Mit seinem Solo-Debüt „Ice Cream Genius“ verblüffte Steve Hogarth 1997 die Musikwelt mit einem ebenso sperrigen wie faszinierenden Werk, das stilistisch kaum etwas mit Marillion gemein hatte. Nun erscheint es endlich erstmals auf Vinyl. Dank der klanglich wie presstechnisch gelungenen Produktion bietet die Doppel-LP diesem musikalischen Kunstwerk endlich den Raum zur Entfaltung, den es verdient.
Review: Steve Hogarth - Ice Cream Genius (2 LP, 180g Vinyl)
Trackliste
Seite 1
1. The Evening Shadows
2. Really Like
3. You Dinosaur Thing
Seite 2
4. The Deep Water
5. Cage
Seite 3
6. Until You Fall
7. Better Dreams
Seite 4
8. Nothing To Declare
9. The Last Thing
Auch wenn Marillion- und Hogarth-Experten über diese Assoziation vielleicht entsetzt sein mögen: für mich bewegt sich „Ice Cream Genius“ irgendwo zwischen der epischen, prog-orientierten Musik von Marillion und der kunstvollen Klangwelt eines Peter Gabriel. Zugleich habe ich den Eindruck, dass Steve Hogarth mit diesen neun Songs – einschließlich des in Europa damals nicht veröffentlichten Stücks „The Last Thing“ – auf der Suche nach einem Weg war, der sich noch nicht so eindeutig manifestiert hat.
So unterscheidet sich das rockige „You Dinosaur Thing“ mit seinen gewissen „Kashmir“-Anleihen deutlich vom ruhigeren Auftakt „The Evening Shadows“ und dem anschließenden, entspannt dahinfließenden „Really Like“ mit seinem stoischen Beat. Auch klanglich heben sich die ersten beiden Songs von der dritten Nummer ab: Sie wirken dynamischer und impulsiver, vor allem durch das Schlagzeug, während „You Dinosaur Thing“ etwas scheppernder und dünner klingt. Wurde dieser Titel vielleicht in einem anderen Studio aufgenommen?
Immer wieder wird deutlich, wie sehr Hogarth den emotionalen Aspekt in den Mittelpunkt stellte. Besonders schön ist dies im schlichten „The Deep Water“ zu hören: Seine Stimme bewegt sich von leise zu eindringlich und wird zunächst nur von einer getragenen Synthesizer-Melodie begleitet, zu der sich später Streicher gesellen. Ab etwa der Mitte wandelt sich das Stück rhythmisch und erwächst zu einer spannenden instrumentalen Inszenierung. Dadurch gewinnt auch der persönliche Inhalt an Gewicht: Es geht um seinen eigenen Tod und um Liebe.
„Cage“ könnte mit dem gesprochenen Text und der schlichten, verspielten Instrumentierung ebenso gut auf einem Peter-Gabriel-Album zu finden sein. Im weiteren Verlauf kommen Bläser hinzu – ein erneutes Beispiel für die Wandelbarkeit der Arrangements, die sich auch in den übrigen Stücken immer wieder zeigt: mal minimalistisch, mal opulent; mal flüsternd vorgetragen, mal mit voller Stimme in die Welt hinausgerufen.
Einen wesentlichen Anteil an der Brillanz des Albums hat auch die vorzügliche Band. Ihre Mitglieder sind aus Formationen wie Blondie, mit Drummer Clem Burke, XTC, mit Gitarrist Dave Gregory, Japan, mit Synthesizer-Spieler Richard Barbieri, und Eurythmics, mit dem kolumbianischen Bassisten Chucho Merchan, bekannt. Auch die Liste der großen Bands, bei denen Perkussionist Luis Jardim mitgewirkt hat, ist beeindruckend. Nicht zuletzt verdient der ikonische Produzent Craig Leon Erwähnung: er arbeitete nicht nur mit renommierten Klassik-Orchestern, sondern war auch am Karrierestart mehrerer späterer Stars der Musikgeschichte beteiligt.
Auch wenn mich nicht jeder Song der Doppel-LP restlos überzeugt, halte ich den überwiegenden Teil für ganz großartig. Die Kompositionen sind kunstvoll gestaltet und emotional immer wieder mitreißend. Ein weiterer Anspieltipp ist „Nothing To Declare“: der Song beginnt schlicht mit sanftem Gesang und Streichern, bevor er sich kraftvoll aufbäumt – wunderschön und spannend.
Fakten
• Veröffentlichung September 2026
• Label: earMusic
• Katalog-Nummer: 0221621EMU
• Pressung: optimal media
• Pressqualität*: 4
• Inhalt: 2x 180g Vinyl
• Besonderheit: Klappcover, Innenhüllen mit Songtexten
• Aufnahmen: Racket Club & Brisbane House
• Genre: Rock, Art Pop
Besetzung
• Steve Hogarth - vocals, piano, samples, machines
• Dave Gregory - guitars
• Chucho Merchan - bass, upright bass
• Richard Barbieri - synthesizers
• Clem Burke - drums
• Luis Jardim - percussion
• Steve Jansen - percussion
• Stuart Gordon - strings
• Craig Leon - 12 string ("Until You Fall")
• Eddie Thornton - trumpet
• Brian Edwards - saxophone
• Trevor Edwards - trombone
• Tim Weather - flute
• Cassel Webb / Stuart Epps - backing vocals
* Pressqualität 1-5:
1= starke Nebengeräusche, deutlich sichtbare Pressfehler
5= keinerlei Nebengeräusche, optisch perfekt
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