Listening Bar Room - ein Trend in der Vinyl-Szene

Der Listening Room im Rhinocéros in Berlin

Lifestyle in der Nische einer Nische - so etwa könnte man einen aktuellen Trend umschreiben, der eigentlich schon sehr alte Wurzeln in den japanischen Jazz kissa hat: die Orte nennen sich Listening Bar oder auch Listening Room. Für Vinyl-Fans sind sie allerdings weit mehr als Lifestyle - ich stelle euch hier ein paar von diesen Adressen in Deutschland vor.

Listening Bars - bewusstes Musikhören mit Vinyl Schallplatten


Musik hören mit Freuden - Bei uns hat der alljährliche Musikabend in der Weihnachtszeit eine lange Tradition, die nur während der Pandemie unterbrochen wurde. Vor geladenen Gästen präsentiere ich Schallplatten, die im Laufe des Jahres veröffentlicht wurden. Die meisten unserer Gäste sind mittlerweile Stammgäste, die sich wie ich auf dieses Event freuen – ein gemeinsames und konzentriertes Musikhören in guter Gesellschaft. Wenn ich in die Gesichter der Zuhörer blicke und ihre echte Freude an diesem Erlebnis sehe, ist das für mich ein mehr als ausreichender Lohn für die Mühe, die ich zuvor investiere. Daher kann ich die Beweggründe der Betreiber heutiger Listening Bars sehr gut nachvollziehen!

Stereo-Anlage Vinyl-Fan.de

Was ist ein Listening Room?


Wir leben heute in einer Zeit, bei der in der konsumierten Musikwelt (egal ob unterwegs und zuhause) meist einzelne Songs unterschiedlicher Künstler zu einer Playlist zusammengefasst und dann gehört werden. Schnelllebigkeit prägen die Charts, die letztendlich die Hörgewohnheiten widerspiegeln.

Es gibt jedoch einen gegenläufigen Trend, der mit dem mittlerweile schon über 10 Jahren konstant anhaltenden Vinyl-Boom zusammenfällt: immer mehr Menschen rücken das bewusste Hören von Musik stärker in den Fokus! Musik via Schallplatte wird nicht einfach konsumiert, sondern vom ersten bis zum letzten Stück gehört, der künstlerische Inhalt des Musikers bzw. der Band erfasst. Man nimmt sich wieder Zeit dazu, nicht nebenbei, sondern konzentriert, man ist emotional dabei.

Hier kommen nun die Listening Rooms oder Listening Bars ins Spiel. Denn genau dort steht eben jenes bewusste Musik-Genießen im Mittelpunkt, das Auflegen und Hören einer ganzen LP wird zelebriert. Und das nicht einfach über eine beliebige Hifi-Anlage, sondern meist über edle und speziell konzipierte High End Systeme, die ein echtes Hörerlebnis versprechen. So ist es dann auch selbstverständlich, dass bei solchen Listening Sessions keine oder nur gedämpfte Unterhaltung üblich ist, man hört in aller Ruhe der Musik zu. Diese Art des Hören wird auch als Entschleunigung wahrgenommen, die in unserer hektischen Zeit immer wichtiger wird, was übrigens auch wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt wurde.*

Woher kommt diese Art des Hören in Bars?


Die Ursprünge reichen weit zurück. In den späten 1920er Jahren entstanden in Japan die ersten Musikcafés, bekannt als „Ongaku Kissa“, in denen westliche Musik gehört werden konnte. Diese Cafés boten eine Vielzahl von Musikstilen an, darunter klassische und folkloristische Klänge, jedoch lag der Schwerpunkt auf Jazz. Die sogenannten Jazz-Kissa wurden zu Treffpunkten für meist junge Menschen, die sich die teuren Jazz-Platten nicht leisten konnten. Es ist anzunehmen, dass die Betreiber weniger von geschäftlichem Interesse getrieben waren, sondern vielmehr von ihrer Leidenschaft für Musik. Trotz strenger Regeln, wie dem Verbot zu reden während des Musikhörens, tat dies der Beliebtheit keinen Abbruch: Mitte der 1970er Jahre gab es in Japan rund 600 Jazz-Kissa.**

Welche Listening Bars gibt es in Deutschland?


Wann welche Bar ausserhalb von Japan zuerst entstand und unter dem Begriff Listening Bar oder Listening Room firmierte, ist nicht so einfach zu sagen und eigentlich auch nicht wichtig. Hier stelle ich euch einige spannende Adressen in Deutschland vor:

Rhinocéros Jazzbar | Berlin



Facts

Adresse: Rhinower Str.3, 10437 Berlin
Öffnungszeiten Bar: Di.-Sa. 18:30-1:00 Uhr, So. 18:00-23:59 Uhr
Platzangebot: 30 Plätze
Musikzeiten: Mi. & Do. 18:30-20:30 Uhr
Web: https://rhinoceros-berlin.com/

In Deutschland gehört die Jazzbar Rhinocéros im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg seit 2017 zu den beliebten Orten, um Musik auf Vinyl zu genießen. Inspiriert von japanischen Jazz-Kissas hat Gründer Bénédict Berna eine Bar geschaffen, in der Musikliebhaber bei Cocktails und Wein vornehmlich Jazz-Schallplatten hören können. Die Sammlung umfasst rund 1000 LPs, die Jazz von 1945 bis heute abdecken und Einflüsse aus Blues, Soul und Ambient enthalten.

Die Musik wird auf einer Vintage-Anlage mit Altec-Lautsprechern, einem Thöress Röhrenverstärker und einem Micro-Seiki DQX-500 Laufwerk wiedergegeben. Konzentriertes Hören ist mittwochs und donnerstags von 18:30 bis 20:30 Uhr möglich, während zu anderen Zeiten ein normaler Barbetrieb herrscht. Das Konzept der Bar besteht darin, Musik auf entspannte Weise zu genießen und es ruhig angehen zu lassen. Der gemütliche und ansprechend gestaltete Hörraum spricht für sich selbst.


High Fidelity | Stuttgart



Facts

Adresse: Brennerstraße 23, 70182 Stuttgart
Öffnungszeiten: Di.-Do. 18:00-24:00 Uhr, Fr. & Sa. 18:00-1:00 Uhr
Platzangebot: ca. 30 Plätze
Musikzeiten (Listening Experience): jeden zweiten Dienstag von 19:30 bis 21:30 Uhr
Web: https://highfidelity.bar/

Im High Fidelity in Stuttgart erwartet dich ein einzigartiges Konzept, das eine Weinbar, ein peruanisches Restaurant und den exklusiven Listening Room vereint. Inhaber Bernd Kreis hat hier eine außergewöhnliche HiFi-Anlage geschaffen, die aus Altec/GPA 620 Lautsprechern, einem Phono-Vorverstärker (EAR 834 Klon), dem Vorverstärker „The Masterpiece“ von Transcendent Sound, 300B Röhren-Endstufen und einem selbstgebauten Laufwerk auf Basis des Lenco L75 mit PTP Chassis besteht. Dadurch wird das Musikhören zu einem unvergesslichen Erlebnis.


Jeden zweiten Dienstagabend finden die Listening Experiences statt, bei denen wechselnde Gäste LPs und spannende Informationen zu verschiedenen Themen präsentieren. In der Vergangenheit wurden beispielsweise „Brit Jazz“ oder „Der Kontrabass und seine Geschwister“ behandelt. Der Eintritt ist frei; es wird lediglich ein Hut für die Referenten herumgereicht.


Unkompress | Berlin



Facts

Adresse: Fichtestrasse 23, 10967 Berlin
Öffnungszeiten: Mi. & Do: 18:00-0:00 Uhr, Fr. 18:00-1:00 Uhr, Sa: 14:00-1:00 Uhr, So. 15:00-22:30 Uhr
Platzangebot:
Musikzeiten:
Web: https://www.unkompress.berlin/

Zurück in Berlin erwartet die Vinyl-Fans das Unkompress, eine intime Listening Bar, die sorgfältig kuratierte DJ-Sets und Album-Listening-Sessions anbietet. Hier können Gäste nicht nur in die Welt der Schallplatten eintauchen, sondern auch aus einem Angebot an Naturweinen, handwerklich hergestellten Spirituosen, Bieren und handgefiltertem Kaffee wählen. Das offene Raumkonzept fördert eine enge Verbindung zwischen Barkeeper und Gästen, sodass man sich mitten im Geschehen fühlt. Gründer Kevin Rodriguez legt großen Wert darauf, dass dieser Ort als Plattform für Musik, Kultur und Gemeinschaft dient.

Neben dem Genuss von Schallplatten aus verschiedenen Musikrichtungen wie Ambient, Balearic, Deep Space, Downtempo, Electronica, Jazz und Weltmusik finden regelmäßig Veranstaltungen statt, darunter Live-Podcast-Aufnahmen, Plattenpräsentationen und Interviews.

Das Klangerlebnis wird durch die legendären Klipsch-Hornlautsprecher, einen 300B-Single-Ended-Röhrenverstärker aus Japan, ein Resør Class-A-Drehschalter-Mischpult und zwei modifizierte Technics-Plattenspieler auf ein neues Level gehoben.


Cafe Franck | Köln



Facts

Adresse: Eichendorffstr. 30, 50825 Köln
Platzangebot: 30-40 Plätze
Musikzeiten: Donnerstags, in der Regel alle zwei Monate, ohne feste Öffnungszeiten
Eintrittspreis: 8 EUR
Web: https://slow-listening.club/

Eine weitere Variante findet im Café Franck in Köln statt: Der Slow Listening Club, der einmal im Monat von einem externen Veranstalter organisiert wird. Hier stehen ebenfalls ausschließlich Schallplatten im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu den anderen Veranstaltungsorten wird jedoch für jeden Abend eine hochwertige Audio-Anlage neu installiert. Im Zentrum dieser Einrichtung steht meist ein Thorens Plattenspieler, ergänzt durch erstklassige Verstärker und Lautsprecher, die vom MSP HiFi Studio professionell eingerichtet werden.


Der Veranstalter bietet eine interessante Perspektive auf dieses Pop-up-Format: "Besonders spannend ist für uns die Vielfalt des Publikums. Hier treffen Menschen aus der HiFi-Welt, die großen Wert auf Klang und Technik legen, auf die Vinyl- und Musikszene. Mein Co-Creator Steffen, der als DJ und Musikjournalist agiert, kuratiert diese Zusammenkünfte. Diese Verbindung ist für uns das Herzstück des Formats: Die HiFi- und Vinylszene sollen nicht nebeneinander existieren, sondern näher zusammenrücken."


Ein wichtiger Tipp für den Besuch der genannten Adressen: unbedingt vorher anmelden und reservieren! Die meisten Hörabende sind nämlich in Vorfeld ausgebucht.

Natürlich gibt es noch weitere Adressen, die ich hier gerne noch vorstelle, sobald sie mir Infos zugesendet haben.

*Quellen:
https://koj.training/2026/01/13/neue-forschung-zeigt-hoeren-laesst-sich-trainieren-mit-spuerbarem-erfolg/
https://www.aok.de/pk/magazin/wohlbefinden/entspannung/ist-musik-gesund/
https://www.uni-due.de/sonderpaedagogik/hoeren/hearallages

**Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Jazz_kissa

"Zusammengefasst kann man Listening Bars als ein gelebtes Stück Musikkultur verstehen, bei dem die Vinyl Schallplatte im Mittelpunkt steht. Sie sind Orte für Menschen, die noch zuhören können"


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