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André Weiss Trio mit Ralph Moore

Vier Musiker machen das Publikum happy: André Weiss Trio feat. Ralph Moore | Foto: Andreas Carl

Er ist jung, talentiert und geht gleich bei seiner ersten Schallplatte das Wagnis eines Konzert-Mitschnittes auf Analogband ein: André Weiss. Wir trafen ihn vor dem Auftritt zu einem Interview und blickten während des Konzertes hinter die Kulissen. Ein spannender Tag in den Bauer Studios Ludwigsburg mit Erinnerungen an die Blue Note-Ära.


André Weiss Trio feat. Ralph Moore
Studio Konzert 21. Januar 2020

Andre Weiss Studio Konzert warmlaufen

Das letzte Mal waren wir 2017 in den Bauer Studios. Seinerzeit hatten wir die Freude, ein furioses Konzert des KA MA Quartet zu erleben, welches es einige Monate später als Schallplatte zu kaufen gab. Mit dem André Weiss Trio standen dieses Mal wieder junge Musiker auf der Bühne, die den Jazz auf ganz eigene Weise interpretieren. Dass sich das Programm am 21. Januar 2020 eher klassisch den Standards widmete, darf ich als eine willkommene Gelegenheit bezeichnen, alten Jazz in einer zeitlosen Variante zu erleben. Schließlich war der Special Guest kein Geringerer als Ralph Moore! Der US-amerikanische Saxofonist spielte u.a. mit Horace Silver und J. J. Johnson, mit Roy Haynes oder Oscar Peterson. Bei genauer Betrachtung der Setlist fällt auf, dass wir an diesem Konzertabend Erinnerungen an den Sound der Blue Note Records bekommen werden.

 

Ankunft in Ludwigsburg

Regieraum Bauer Studios

Ankunft im Studio kurz nach 15 Uhr. Wir gingen nach kurzer Begrüßung gleich mal in den Saal 1, wo André Weiss an einem legendären Steinway Flügel aus dem Jahre 1927 saß. Wir begrüßten ihn, stellten uns kurz vor und beschlossen dann gleich, ein Interview mit ihm im Backstage-Bereich zu führen. Es war beeindruckend, wie unkompliziert er auf meine Fragen und seine persönliche Sicht über die kommende Aufnahme und den Jazz allgemein einging. Mein Begleiter Andreas machte bereits eine Menge Bilder, von denen Ihr neben diesen hier noch weitere in einem Bilder-Beitrag sehen könnt.

Anschließend spielte André noch einige Zeit am Klavier, der Rest der Band war zu diesem Zeitpunkt bereits im Hotel. Den Grund dafür, dass die gemeinsamen Proben schon vorbei waren, erklärte mir später Philipp Heck, Tonmeister und Geschäftsführer der Bauer Studios: es war einer der kürzesten Soundcheck, die er im Studio erlebt hat, nach rund einer halben Stunde war alles erledigt. Die Musiker waren zufrieden, so dass Ralph Moore zusammen mit Jean-Philippe Wadle und Dominik Raab sich erst mal verabschiedeten.
Gegen 17 Uhr war Schluss mit der Vorbereitungen, da kam nämlich der Klavierstimmer. An einem so alten und ehrwürdigen Flügel saßen bereits viele berühmte Pianisten - an diesem Abend sollte für den jungen André Weiss schließlich auch alles passen.

 

Das Interview mit André Weiss

Interview Andre Weiss

Wie kam es dazu, dass ihr ein Wagnis eingehen wolltet, eine Livekonzert direkt aufnehmen zu lassen?

Gegenfrage: warum nicht? (auf meinen Hinweis auf den fehlenden doppelten Boden bei einem Direktmitschnitt, beantwortet André nachfolgend)
Wie früher - First-Takes-Only, das ist real, das ist echt. Die Musik ist spannender und echter, wenn sie im Moment entsteht. Wenn man mehrere Takes gespielt, geht die Energie flöten Deswegen ist mir so eine Liveplatte willkommen. Ich mag es, wenn Publikum da ist, hat man ein anderes Spielgefühl. Wenn man so eine Platte anhört und merkt, da ist ein Fehler, dann ist das halt so, es ist etwas Besonderes. Wir sind halt auch nur Menschen. 

Habt ihr schon einmal so etwas gemacht?

Die Jungs garantiert, ich nicht. Ob da auch Livemitschnitte dabei sind, weiß ich nicht. Ralph Moore sicher schon. 

Spielt ihr hier nach Noten?

Gerade bei diesen Stücken, die schon alle aufgenommen worden sind, ist die Idee, dass man nicht den Ablauf genau bespricht, sondern sich Freiheiten lässt. Also, nicht alles so spielt, wie es im Original klingt. 

Gibt es auch eine eigene Vinyl Schallplatte von euch?

Von Ralph auf jeden Fall. Für mich ist es die Erste. Auf zwei CDs war ich als Sideman dabei, eine Eigene hab ich noch nicht. Jean-Philippe und Dominik haben auch nur CDs.

Seht ihr euren Stil eher vom klassischen Jazz der 50er oder 60er Jahre geprägt oder modern ausgerichtet?

Ja, wir spielen Musik, die in den 50er und 60er Jahren aufgenommen wurde, vielleicht auch noch aus den 70ern.
Was an uns modern ist, dass wir das frisch spielen wollen. Modernität kommt mit Frische zusammen. Wir sind daher keine Coverband. Es sind alles Standards aus dieser Zeit. 

Hörst du privat Schallplatte oder digitale Medien?

Meine Freundin hat mir einen Plattenspieler geschenkt, mit drei LPs von Oscar Peterson, die bei mir sehr hoch im Kurs stehen. Die Platte, mit der ich quasi Jazz angefangen hab zu hören oder zu lernen, ist „Night Train“. Darauf ist ein Stück, das mein Vater zu meiner Geburt gespielt hat: „Hymn To Freedom“.

Was ist dir bei den heute gespielten Songs wichtig?

Wir haben das Programm zusammengestellt, ich hab ein paar Titel vorgeschlagen, Ralph ein paar andere und einer kam von Dominik. Was mir wichtig war, dass ein Stück dabei ist, bei dem man sofort erkennt, das ist ein Blues. Das ist es, was ich mit Jazz verbinde und super dafür taugt, in den Jazz einzutauchen. Das wollte ich einfach nicht vermissen auf meiner Platte. Dieser Blues-Aspekt spiegelt wieder, woher ich komme. Das ist so eine Liebeserklärung an diese Musik. Ein solcher Song ist „Soul Station“ von Hank Mobley.

 

Die Bauer Studios

70 Jahre Bauer Studios 2019Vielleicht kurz die Info für alle, welche meine bisherigen Berichte über Konzerte in den Bauer Studios noch nicht gelesen haben: der Saal 1 hat ca. 80 Sitzplätze, dieser 7m hoher und rund 180qm großer Raum besticht durch eine großartige Akustik, die Basis für exzellente Aufnahmen mit Publikum. Dass hier viele legendäre Musiker ihre Platten aufnahmen und die Studios auch heute zu den führenden Adressen weltweit zählt, verleiht diesen Räumen eine besondere Atmosphäre. In den Gängen hängen viele Fotos solcher Künstler, das wirkt schon sehr beeindruckend. Im Jahre 2018 feierten die Bauer Studios ihr 70. Jubiläum!

  

 

 

Die Musiker

Andre Weiss PianoAndré Weiß - Piano

Der Stuttgarter Pianist André Weiss ist in der heutigen Jazzszene noch unverbraucht und daher um so überraschender. Mit seiner swingenden Spielweise beweist er, wie unterhaltsam „Straight Ahead Jazz“ heute noch klingen kann. Er erhält den alten Sound lebendig und interpretiert ihn auf seine Weise.

  
Jean Philippe Wadle BassJean-Philippe Wadle - Bass

Bassist Jean-Philippe Wadle stammt aus dem Elsass und studierte an den Musikhochschulen von Mainz und Köln. Neben seinem eigenen Bassface Swing Trio zupfte er die Saiten bereits für eine beeindruckende Zahl an berühmten Musiker: Lalo Schifrin, Dee Dee Bridgewater, Patti Austin, Ack van Rooyen, Wolfgang Haffner und auch Tom Gaebel. Seit 2015 gehört er zum Quartett von Emil Mangelsdorff.

 

Dominik Raab BassDominik Raab - Schlagzeug

Der aus Fulda stammende Schlagzeuger Dominik Raab studierte an der Hochschule für Musik Würzburg und in Nürnberg an der Hochschule für Musik. Er erhielt bereits mehrfach Auszeichnungen für sein technisch versiertes Spiel. Er trommelte unter anderem in Ensembles wie dem Markus Harm Quartett, im Julian Bossert Trio, dem Sunday Night Orchestra, dem Glenn Miller Orchestra (Leitung Wil Salden) und dem Subway Jazz Orchestra. Im Studio wirkte Dominik u.a. bei Musikern wie Don Braden, James Morrison, Jim McNeely, Tony Lakatos und Norma Winstone mit.

  

Ralph Moore SaxophoneRalph Moore - Saxophon

Der US-amerikanische Tenor- und Sopransaxophonist ist einer der großen Stellvertreter des klassischen Hard Bop. In den 80er Jahren spielte er mit bedeutenden Jazzern wie Horace Silver, Gene Harris, Kenny Barron oder J.J. Johnson. Seine spannendsten Aufnahmen sind wohl die Telarc-LP mit Oscar Peterson und Roy Hargrove aus dem Jahre 1996 sowie „Composer“ von Cedar Walton (1996).

 

 

 

Das Konzert - ein analoges Live-Vergnügen

Begruessung

19:32 Philipp Heck und Bettina Bertók begrüßen das zahlreiche Publikum. Das Konzert ist nicht nur ausverkauft, sondern beinahe überfüllt - es wurden Stühle dazugestellt. Die Stimmung ist durchaus erwartungsvoll. Kein Wunder bei dieser Besetzung und dem Musikprogramm.

Aufnahme LaeuftJPG19:36 Die Musiker betreten mit großem Applaus die Bühne und nur wenige Sekunden später (die rote Lampe leuchtet) ertönen schon die ersten Takte von „This I Dig Of You“ (einem Stück aus der LP „Soul Station“). Die Aura des legendären Hank Mobley groovt durch den Saal, die Zuhörer sind vom ersten Moment an gefesselt. Diese rassige Hardbop-Nummer mit gehörigem Blue Note-Feeling macht schon mal jede Menge Laune.

19:43 Es folgt „Funk In Deep Freeze“, das nächste Mobley-Stück aus der Schallplatte „Hank Mobley Quintet“
19:44 Ein Stop, es gibt Probleme beim Schlagzeug! Doch nur wenige Sekunden später geht es erneut weiter. Das Tempo von „Funk In Deep Freeze“ ist etwas reduziert. Der Dialog zwischen Piano und Bass/Schlagzeug erscheint mir neben einem lässigen Bass-Solo als der Reiz dieses Tracks.

19:52 Ein nächster (imaginärer) Saxofonist betritt mit „Edda“ die Bühne: Wayne Shorter. Seinen klaren und dabei so melodisch-farbigen Ton trifft Ralph Moore sehr schön, wenn auch mit einer eigenen Note. Ein kurzer Schwenk mit seinem Instrument ist nicht so ganz im Geschmack des Tonmeisters, da er sich dabei vom Mikro entfernt, sein Spiel war kaum noch zu hören.

Tonbandmaschine Studer 820 Bauer Studios20:00 Bandwechsel, Ralph überbrückt die Zeit mit einer Ansprache zur Musik. Beeindruckend war für mich im Regieraum, wie routiniert und frei von Hektik ein neues Tonband in die Studer eingelegt wurde, es konnte nach nur wenigen Sekunden weitergehen.

 

20:02 Das nächste Band läuft: Start für „My One And Only Love“. Diese alte Komposition beginnt mit einem Sax-Solo, das uns wehmütig an die Freuden und Schmerzen der Liebe erinnert. Sanft stimmen die anderen drei Musiker mit ein - diese wunderschöne Ballade weckt Emotionen, die Gedanken so manchen Zuhörer schweiften da wohl in die Ferne … Großer Applaus!

20:10 Ralph stellt die Band vor.
20:11 Mit „The Kicker“ von Joe Henderson wird ein funky Beat angeschlagen, die Füße wippen im schnellen Takt. Ein packendes Drum-Solo von Dominik Raab garniert diesen Klassiker.

20:16 Pause
Während dessen waren Philipp und sein Mitarbeiter Andy damit beschäftigt, einiges zu überprüfen und Kabel am Set zu tauschen. Das Publikum versorgte sich indes mit Getränken und Brezeln.

20:43 Es geht weiter. Mit „Public Eye“ spielen die Jungs nun eine nicht ganz so alte Nummer von Roy Hargrove (1991), durchaus soulig und sehr melodisch.

20:49 Deutlich älter ist „Remember“, diese Irving Berlin-Komposition stammt aus dem Jahre 1925. Das André Weiss Trio macht daraus eine fein swingende Nummer, bei der André sein musikalisches Talent sehr schön entfalten konnte. Auch Bassist Jean-Philippe Wadle hatten ein kurzes Solo, während Ralph im gesamten Stück den Melodie-tragenden Teil übernahm.

20:57 Der Takt wird schneller, mit „Bolivia“, einem der bekanntesten Stücke von Cedar Walton.

21:05 erneuter Bandwechsel, Ralph unterhält unterdessen erneut das Publikum.

Ralph Moore Solo21:07 Das nächste Band läuft. Mit einem weiteren Klassiker: „Peace“ von Horace Silver. Ralph leitet das Stück mit einem Solo ein, nach einer Minute kommt das Piano nebst Bass und Schlagzeug dazu. Zum Schluß hin noch ein Saxofon-Solo. Sanft und friedvoll wirkt diese Kompositionen, wohl eines der Höhepunkte an diesem Abend.

 

 

21:15 Nach kurzem Entertainment von Ralph folgt „Ojos De Rojo“ von Cedar Walton. Ein Stück mit Latin-Flair, der Rhythmus steckt an. Insbesondere dann, als Dominik Raab am Schlagzeug zum Solo ansetzte. Über die Studio-Monitore hörte sich das wunderbar federnd und dennoch energiereich an.

21:25 endete das Konzert mit viel Applaus und Jubelrufen. Klar, eine Zugabe kam.

21:26 Mit der berühmten Nummer „Soul Station“ von Hank Mobley endete dieses Studio Konzert stilvoll - ein Blues, den André so sehr schätzt. Die Zustimmung bei den Besuchern ist auf jeden Fall zu 100% da, jede Aktion der Musiker wird beklatscht.

21:30 Das Konzert ist zu Ende. Doch der Beifall will nicht enden und ruft die Band noch einmal auf die Bühne.

21:32 Noch eine Zugabe: „The Kicker“ kam noch einmal als rassige Hardbop-Nummer zu Ehren.

Andre Weiss Trio Konzert Finale

21:40 Bettina Bertók verabschiedete die Zuhörer. Ein herrlicher Jazz-Abend endete und hinterließ ein begeistertes Publikum.

 

Nach dem Konzert

Nach dem Konzert

Die Türen des Regieraumes wurden nun für die interessierten Besucher geöffnet, was ich toll finde und vom Publikum auch entsprechend viel zum Schauen und Informieren genutzt wurde. Philipp erklärte, wie eine solche Aufnahme funktioniert, wie die 24 Spuren zusammengeführt und schlussendlich dem Tonband, hier einer Studer A820, zugeführt werden.

Ich saß während des ganzen Konzertes im Regieraum des Studios. Was mir dabei auffiel: Philip und sein Mitarbeiter saßen völlig entspannt da, kein hektisches Drehen an den unzähligen Reglern des riesigen Mischpultes. Das liegt natürlich einerseits an der Erfahrung und professionelle Vorbereitung, allerdings auch am musikalischen Programm. Im Vorfeld wurde mit den Musikern abgesprochen, wann etwa das Schlagzeug einsetzt, so dass dies bereits vom Tonmeister berücksichtigt wurde und so keine völlig überraschende Momente seitens der Band zu erwarten waren. Eine alles in allem also leichter zu bewältigende Musik für ein so heikles Projekt wie einen Live-Direktmitschnitt auf Analog-Tonband!

Wir freuen uns auf die Schallplatte, die in einigen Monaten erscheinen wird - ein rein analoges AAA-Vergnügen mit wunderbarer Musik!

 

Setlist

1. This I Dig Of You (Hank Mobley)
2. Funk In Deep Freeze (Mobley)
3. Edda (Wayne Shorter)
4. My One And Only Love (Guy Wood)
5. The Kicker (Joe Henderson)

Pause

6. Public Eye (Roy Hargrove)
7. Remember (Irving Berlin)
8. Bolivia (Cedar Walton)
9. Peace (Horace Silver)
10. Ojos De Rojo (Cedar Walton)
11. Soul Station (Hank Mobley)

 

Mein besonderer Dank an Andreas Carl für seine tollen Fotos, die in diesem Beitrag verwendet wurden!

Hier gehts zur Fotostrecke.

 

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