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Hank Shizzoe - Ein Gespräch über Musik, die freie Wildbahn, Schallplatten, Streaming, Reisen, Wohlklang und mehr.

Vorschau 38: Endlich dürfen wir wieder eine neue Schallplatte des Schweizers Hank Shizzoe auf den Plattenteller legen: "This Place Belongs To The Birds" kommt am 18. September 2015 auf 180g Vinyl. Und weil Hank nicht nur ein wunderbarer Musiker ist, sondern auch immer wieder etwas Besonderes zu bieten hat, soll das nachstehende Interview Näheres dazu vermitteln.

Hank Shizzoe - This Place Belongs To The Bird (LP, 180g Vinyl)

Ein GesprÄch über Musik, die freie Wildbahn, Schallplatten, Streaming, Reisen, Wohlklang und mehr.

Interview: Montgomery Ward

 

Was soll dieser Titel?

Der kommt von der einfachen Tatsache, dass wir zu Gast sind auf unserem Planeten. Vögel bewohnen eine andere Ecke der Evolution. Sie stammen von Dinosauriern ab, sie leben schon sehr lange hier und gehören zu den dominanten Spezies der Erde. Sie sind überall. Sie bewältigen enorme Distanzen in allen erdenklichen Bedingungen. Sie können singen, sie haben Rhythmus, fast alle haben sehr viel Stil. Wir sind ihre Gäste. Viele von uns behandeln ihre Gastgeber nicht sehr gut. Das sollten wir ändern.
Ein paar Zahlen: In der Schweiz, wo ich lebe, gibt es eine menschliche Population von acht Millionen. Dazu gleichzeitig eine Million Amseln, 150'000 Mauersegler, 50'000 Bussarde, eine Million Spatzen und 300'000 Krähen... Es heisst, auf der Erde lebten über 10'000 verschiedene Vogelspezies, und man schätzt, dass 200 bis 400 Milliarden Vögel die Erde bevölkern. Also.

 

Dieses Album klingt so, als ob es tief in der Folk-Tradition verwurzelt sei.

Das hat etwas. Alle Songs wurden auf akustischen Gitarren geschrieben. Das mache ich fast immer so, aber für dieses Album wurde sehr rasch klar, dass akustische Instrumente im Zentrum stehen sollten, zusammen mit der Stimme. Dies wiederum deutet in Richtung Folk. Es ist ein entspanntes, leichtfüssiges Album - ohne geradlinigen Rock'n'Roll, ohne grosse Verstärker oder laute Drums. Man kann die Räume hören, in welchen die Musik gespielt wurde. Und die Texte reflektieren das auch. Es sind einfache, warme und direkte Songs.

 

War das ein bewusster Wechsel nach "Songsmith"?

Es gab kein Konzept dahinter, es geschah einfach so. "Songsmith" war sehr vielfältig, raffiniert arrangiert, sehr präzise und sorgfältig produziert, aber auch verspielt. Das neue Album hat einen anderen Ursprung. Die Einfachheit kommt daher, dass die Songs in sehr kurzer Zeit geschrieben wurden. Es ist eine Art Zyklus, die Songs hängen zusammen. Es geht darin um Nähe und Distanz, um Daheim und Fernweh, um Verlangen und die Sehn- sucht nach Einfachheit.

 

Warum haben Sie dieses Album im Alleingang eingespielt?

Habe ich nicht. Simon Baumann, der in meiner Band Schlagzeug spielt, ist auf vier Songs zu hören. Wir haben ihn bei mir zuhause im Salon aufgenommen, ganz einfach mit zwei Mikrophonen. Baptiste Germser aus Paris war zu Besuch. Er hatte sein Waldhorn dabei und spielte wie ein Meister. Mit Baumann und Germser hatte ich in Stephan Eichers Band gespielt. Mein alter Freund Michel Poffet ist mit seinem Kontrabass auch dabei. Wir standen mehr als 15 Jahre zusammen auf der Bühne und treffen uns auch heute noch regelmässig.

 

Das ist Ihr 14. Album. Was hat sich verändert?

Man lernt und weiss mehr über den Arbeitsprozess. Man entwickelt einen Instinkt und weiss besser, was es braucht - und was nicht. Eine Platte zu machen, das ist auch ein Handwerk. Irgendwann habe ich begriffen, dass Inspiration Raum braucht, Leere. Dies wiederum schafft Aufmerksamkeit und schärft die Sinne. Mir war von Beginn weg klar, dass dieses Album einen bestimmten Klang haben sollte. Grosse Räume, Elvis-Presley-Echo auf der Stimme, warme, natürliche Sounds, Resonanz, ein Klang, in dem man wohnen kann. Die Songs wiesen den Weg, in meinem Kopf hörte ich sie alle im selben Raum.
Vor 20 Jahren wäre es für mich schwieriger gewesen, diese Vision umzusetzen, weil mich die Möglichkeiten überfordert hätten. Heute weiss ich viel genauer, wohin ich will, und wie ich dorthin komme. Wie gesagt, das ist ein Handwerk. Man lernt und wird besser. Mir kommt es so vor, als hätte ich 25 Jahre trainiert, um dieses Album zu machen.

 

Wären Sie lieber ein Vogel?

Nein.

 

Es hat drei Coverversionen auf dem Album. Was gibt es dazu zu sagen?

"I Wanna Be Loved By You" ist ein Song aus den 1920ern, der von Marilyn Monroe in Billy Wilders "Some Like It Hot" berühmt gemacht wurde. Vor einem Jahr war ich in einer Radiosendung zum Thema "Verführung" zu Gast. Während der Vorbereitung dachte ich an diesen Song und spielte ihn solo. Der britische Singer-Songwriter Gus McGregor war auch eingeladen. Er riet mir, diese Version aufzunehmen, alleine mit Weissenborn Steel.
Das zweite Cover ist "End Of The Line" von den Traveling Wilburys. Ich bin ein grosser Fan von der Band und diesem Lied, das eigentlich eine Folk-Nummer ist.
Das dritte Cover ist eher eine Adaption. "Don't Know What It Is" wurde als "Weiss nid was es isch" von Stephan Eicher and Martin Suter geschrieben. Das wollte ich seit Jahren übersetzen, lange bevor ich mit Stephan zu spielen begann. Der Text ist sehr, sehr simpel und elegant. Nach über 100 Konzerten kamen die Worte in Englisch einfach dahergeflogen.

 

Wie sehen Sie den aktuellen Zustand der Musikindustrie?

Armselig, verzweifelt, orientierungslos. Wir erleben einen Untergang. In unserem Teil der Welt interessieren sich die Leute sowie- so weniger für Kultur. Sie rückt in den Hintergrund. Natürlich gibt es Ausnahmen. Es ist auch wichtig zu erkennen, dass die grosse Mehrheit der Menschheit anderswo gar keine Zeit hat, sich um Kunst, Musik und Literatur zu kümmern, weil sie das tägliche Überleben organisieren muss.
Der Untergang der Musikindustrie hat seine Vorteile. Musiker haben mehr künstlerische Freiheit. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, sein Publikum zu erreichen, weil die Massenmedien alles mit stromlinienförmigem, vermeintlich marktspezifisch abgestimmtem "Content" zumüllen. Die schweigende Mehrheit kann unterdessen kaum mehr dazu bewegt werden, von ihrem Smartphone-Bildschirm aufzuschauen, wo endlos Werbung und Propaganda gestreamt wird.

 

Warum schreiben und singen Sie in Englisch?

Weil ich Schweizer bin.

 

Glauben sie, dass Streaming , Spotify, Apple Music, Tidal usw. die Zukunft ist?

Jetzt gerade sieht es sicher so aus. Auf der anderen Seite des Spektrums erleben wir das Vinyl-Revival, die Wiedergeburt des Albums. Und auch hochauflösende Audio-Downloads finden ihr Publikum. Streaming ist der dickste Nagel im Sarg der Musikindustrie wie wir sie bis anhin kannten. Die grossen Konzerne schaufeln damit ihr eigenes Grab, weil sie so die Künstler vernachlässigen.
Es geht nicht um Kunst, es geht um das Verkaufen von Abonnementen, die wiederum die Konsumenten dazu bewegen sollen, neue Geräte zu kaufen. Das ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Man muss auch wissen, dass die Musikindustrie in den letzten 100 Jahren schon mehrmals komplett am Boden lag. Gute Musik kann ihren Weg zum Publikum finden, tut es aber nicht immer. Für jede und jeden von uns schlummern irgendwo mindestens zehn Alben, die unser Leben verändern würden. Wir werden sie nie zu hören bekommen.

 

Sie reden immer wieder davon, wie sehr Sie gute Klangqualität schätzen. Glaub sie wirklich, das interessiert jemanden?

Aber natürlich. Man erzählte uns, dass 90 Prozent der Datenmenge, die zum digitalen Speichern von Musik benötigt wird, komplett vernachlässigbar seien. Und dass diese Reduktion keine Auswirkung auf das Empfinden des Klangs haben würde. Das war eine Lüge. Die Erfindung des mp3-Formates entpuppt sich als Desaster. Ganze Generationen wachsen auf, ohne jemals den Klang eines Instrumentes zu erleben. Was sie hören ist ein kleiner Teil des Klangs, den dieses Instrument, oder die menschliche Stimme erzeugen. mp3s, iTunes- oder Spotify-Formate, all diesen Dateien fehlt es an Dimension, Obertönen und Resonanz. Unsere Gehirne arbeiten wie wahnsinning, um diesen Verlust zu korrigieren und zu kompensieren. Deshalb ist das alles so ermüdend, und damit geht das Wunder der Musik verloren.
Wir geben uns grosse Mühe, den Klang unserer Alben gut hinzukriegen, und dann wird das auf winzigen Laptop-Lautsprechern abgespielt. Das ist, als ob man Monet- oder Pollock-Gemälde auf einem beknackten Smartphone-Bildschirm anschauen würde. Das macht einfach keinen Sinn. Es gibt Alternativen.

 

Woher kommt eigentlich Ihre scheinbar unerschöpfliche Faszination mit Gitarren?

Gitarren bieten endlose Möglichkeiten. Eine Gitarre ist ein sehr primitives und gleichzeitig äusserst elegantes Instrument. Gitarren sind fliegende Teppiche, lebendige Mythologie. Sie können dich auf eine andere Ebene transportieren. Gitarren können in einem Song den Weg weisen. Eine gute Gitarre ist nie fertig, sie überrascht immer wieder. Je mehr ich über dieses Instrument weiss, desto mehr will ich wissen. Die Faszination steigt nach wie vor und mir ist klar, dass ich noch sehr, sehr viel zu tun habe.

 

Was bringt die unmittelbare Zukunft?

Zunächst werde ich "This Place Belongs To The Birds" live spielen. Nach der Veröffentlichung von "Songsmith" im Frühjahr 2014 begann ich, mit meinem neuen Trio zu spielen. Mit dabei sind Tom Etter (Züri West) und Simon Baumann (Stephan Eicher, Baumon, Junior). Tom ist ein sehr vielfältiger Gitarrist, der sowohl in akustischen als auch in elektrischen Gefilden zuhause ist. Wie ich mag er tiefe Tunings und liebt es, Rythmusgitarre zu spielen. Wir ergänzen uns vortrefflich, und es ist ein Traum, mit ihm zu spielen. Simon lernte ich in Stephan Eichers Band kennen und schätzen. Wenn man 100 Konzerte zwei Meter entfernt von einer Bassdrum gespielt hat, dann weiss man, mit wem man es zu tun hat. Er kommt aus der Electronic Szene, ist also mit Samplern und Loops vertraut. Gleichzeitig spielt er Shuffles und geradlinige Beats wie ein alter Mann. Das ist eine äusserst seltene Kombination. Ein Trio ohne Bassisten zu haben gibt mir viel Freiheit und Vielfalt. Auf unserer Bühne wird viel improvisiert. Das liebe ich.
Ich werde auch ein paar akustische Solokonzerte geben mit diesen Songs. Vielleicht erklingt mal ein Loop, aber das meiste wird wirklich solo akustisch sein. So finden die Songs dorthin zurück, wo sie herkamen. Das passt dann auch zu den obskuren Folksongs, die ich manchmal gerne spiele.
Nach dieser Tour werde ich an einem Filmsoundtrack arbeiten. Ein spannendes Dokumentarfilmprojekt steht an. Und schliesslich habe ich bereits einige Songs für das nächste Album im Köcher. Wir werden mit dem Trio ins Studio gehen, alles live auf Zweispur- Bandmaschine, Stand der Technik: 50er Jahre. Alle Musiker im selben Raum, keinerlei Trennung der Instrumente, kein Mischen. Laut, ungeschliffen, elektrisch, Röhren und Tonband, es werden Funken fliegen.

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