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Simon Arnold und Ralf Müller-Hoffmann im Freien, im Hintergrund kahle Bäume

Foto: Frank Bessin

Das Dresdner Duo von Søjus1 hat mit ihrem zweiten Werk „ORWO“ eine Weiterentwicklung durchgemacht, die zumindest so nicht geplant war. Die Vertonung des schwedischen Stummfilms „Der Fuhrmann des Todes” führte zu dem rein instrumentalen „ORWO“. Für Raritätensammler: die Schallplatte wartet mit einer Besonderheit auf! Mehr dazu in dieser Rezension.

 

Søjus1 - ORWO (LP, 180g Vinyl)

Laut Wikipedia wurde der einflussreiche Stummfilm „Der Fuhrmann des Todes” in einer Umfrage unter schwedischen Filmkritikern im Jahre 2012 zum „besten schwedischen Film aller Zeiten“ gekürt. Diese anspruchsvolle Grundlage für einen Soundtrack sorgte bei Søjus1 für den notwendigen Schub nach deren Arbeiten an einem neuen Album. Heraus kam eine Platte, die nicht nur Freunde der klassischen elektronischen Musik anspricht. Spannend ist auch, dass die Platte auf der 2. Seite von innen nach aussen läuft.

 

Die Zukunft war gestern

Sojus1 ORWO VinylIm Jahre 2019 waren Simon Arnold und Ralf Müller-Hoffmann im Studio, um ihre zweite LP einzuspielen. Doch es funktionierte nicht so richtig, der rote Faden wollte sich nicht entwickeln, alles blieb Stückwerk. Dann kam der Auftrag, den schwedischen Stummfilm „Der Fuhrmann des Todes” von 1921 (Regie: Victor Sjöström) live zu vertonen. Sie komponierten dafür neue Musik und dies war wohl der ausschlaggebende Faktor, die bereits bestehenden Teile ihres noch nicht fertigen neuen Album umzuschreiben und neu mit der Filmmusik zu kombinieren. „ORWO“ ist also einerseits ein Destillat der Filmmusik und zugleich eine logische Verbindung zu den bereits vorhandenen Demos aus der Studio-Arbeit.

Tatsächlich wirken die neun Stücke wie aus der Zeitmaschine. Flächige Sounds und altmodische Synthesizer-Klänge treffen auf Schlagzeug und elektrischem Bass, so etwas könnte gut auch aus den 70ern stammen. Doch schon zu Anfang wird deutlich, dass dies zu kurz gegriffen wäre, die Konstruktionen hinterlassen eher einen zeitlosen Eindruck. Nach dem kurzen spacigen Intro „INYT“ (wohl eine Reminiszenz an ihrem Bandnamen) folgt „BLAO“, bei dem das Schlagzeug eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Hier zeigt sich auch bereits die klanglich gelungene Arbeit an dieser LP. „PATO“ wirkt dagegen introvertierter, als liefen einige Soundspuren rückwärts. Das entspannte „Zero“ liefert einen Schlagzeug-Rhythmus als Grundlage, auf dem sich im Raum darüber Streicher und manche Klangeffekte aufbauen - die für mich schönste Nummer dieser Platte! Noch ein Stück langsamer wird es in „LYKA“, treibt die Sojus hier im All? Oder gleitet der Fuhrmann über den stillen See? Platz für Bilder im Kopf.

So, nun also Seite 2 aufgelegt und zwar nicht wie üblich am äusseren Rand, sondern dort, wo sich die Auslaufrille befindet - die Nadel läuft demnach in Richtung aussen! Der erste Song ist hier „OZON“, der ebenfalls gemächlich die Runde dreht. Jean-Michel Jarre lässt grüßen! „HALO“ ist durch das wieder dominante Schlagzeug etwas direkter, erinnert mit den hellen, schlichten Keyboard-Akkorden irgendwie an französische Filmmusik der 80er Jahre. „FLOP“ ist durch einen dunklen Synthie-Sound geprägt, der sich zu einem sakralen Moment aufbaut. Die letzte und auch längste Nummer des Albums ist „PYNG“ fordert den Zuhörer durch seinen repetitiven Rhythmus zum Tanz auf. Und wer doch lieber sitzen bleiben möchte, kann hier in andere Sphären abdriften, meditativ und im Gedanken versunken.

PS:
ORWO war in der DDR (Wolfen, heute Bitterfeld-Wolfen) eine Firma zur Herstellung von Filmmaterial. Für Søjus1 bestand dabei nicht nur eine Verbindung zur Vertonung des Stummfilmes, die Filme der Firma ORWO begegneten Ralf Müller-Hoffmann und Simon Arnold immer wieder bei ihrem künstlerischen Werdegang. So ist es auch nicht überraschend, dass für das Cover-Artwork die Ästhetik alter 8mm-Filme aufgegriffen wurde und der Platten-Titel folgerichtig ORWO lauten sollte. Übrigens handelt es sich bei dem Namen der DDR-Firma ORWO um ein Akronym aus ORiginal WOlfen. Auch die Plattentitel sind hierzu Wortspielereien mit je vier Buchstaben - sie beziehen sich auf Filmszenen aus „Der Fuhrmann des Todes“.

 

Fakten

Veröffentlichung: 26. März 2021
Label: Sojus1 Records
Bestell-Nummer: Sojus1.2.2
Pressung: Pallas
Pressqualität*: 4-5
Inhalt: 180g Vinyl
Besonderheit: 2. Seite läuft von innen nach aussen
Aufnahmen:

 

Besetzung

Simon Arnold - drums, keyboards
Ralf Müller-Hoffmann - synthesizer, keybords, e-bass, sound effects

 

Trackliste

Seite 1

1. INYT 0:51
2. BLAO 6:26
3. PATO 3:07
4. ZERO 5:59
5. LYKA 6:35

Seite 2

6. OZON 4:52
7. HALO 3:02
8. FLOP 3:12
9. PYNG 12:55

 

* Pressqualität 1-5:
1= starke Nebengeräusche, deutlich sichtbare Pressfehler
5= keinerlei Nebengeräusche, optisch perfekt

 

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