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Über so eine gelungenes Debüt kann man sich freuen: Tolyqyn

Ist eine neue Lieblingsplatte von mir? Eine, die man immer wieder hören und dabei immer wieder Neues entdecken kann? Das Berliner Trio Tolyqyn führt zusammen mit einer Reihe MusikerInnen das Genre-Schubladen-Denken ad absurdum und weckt doch einige naheliegende Assoziationen. Ich sag nur Stichworte wie Graceland oder Moka Efti - alles klar? Bestimmt nicht, die Debüt-LP „Tolyqyn“ ist eines der großartigsten Alben, die seit langem auf meinem Plattenteller landeten!

 

Tolyqyn - Tolyqyn (2 LP, 180g Vinyl, Limited Edition)

Seit ihrer Gründung im Jahre 2017 hat die Band Tolyqyn bei Konzerten in Deutschland, der Schweiz und England begeisterte Reaktionen hervorgerufen. So wundert es auch nicht, dass wir unter den 13 Tracks auch zwei Live-Nummern erleben dürfen. Und die haben es in sich! Doch was steckt hinter dieser Truppe und was macht sie so attraktiv für das Publikum? Eigentlich ganz einfach:

 

Tolyqyn ist anders und doch so vertraut

Tolyqyn VinylDer kanadische Bratschist und Sänger Roland Satterwhite, er lebt seit 2011 in Berlin, hat bereits in diversen Formationen mitgewirkt, u.a. im mittlerweile sehr bekannten Moka Efti Orchestra („Berlin Babylon“).
Mit Tolyqyn konnte er sein Soundspektrum äusserst kreativ erweitern, etwa damit, dass er seine Viola durch Effektpedale wie einen Bass oder Synthesizer erklingen lässt. Seine angenehme Stimme fließt in die verführerischen Rhythmen von Schlagzeuger Kuba Gudz ein, kontrastiert von den starken Licks und Tricks des fantstischen Gitarristen Tal Arditi. Was dann im Zusammenspiel mit den verschiedenen Sängern und Streichern entstand, geht locker über die verschiedensten Musikstile hinweg, welche hier eingeflossen sind: Westafrikanische Rhythmen, Jazz, Progrock, Pop und etwas Blues.

Schon die erste Nummer ist das erste Highlight für mich: „Ditch“ klingt so verblüffend nach Paul Simons „Graceland“, so dass man insbesondere beim einsetzenden Gedanken ins Staunen kommt. Satterwhite setzt hier auf afrikanische Rhythmen, eine klasse gespielte Gitarre und mehrstimmigen Background-Gesang. Wobei der Gesangspart von Elisabeth Mulroy eine ebenfalls herausragende Rolle spielt.

Tolyqyn Roland Satterwhite

Die Arrangements zeigen sich raffiniert und abwechslungsreich, diese Qualität zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Album. Sehr, sehr cool: das Live-Stück „Touch Me Right“ mit entspannter, äusserst atmosphärischen Stimmung, hinreissendem Gesang und feinem Gitarren-Picking. Zum Schluss hin nimmt diese starke Nummer Fahrt auf und endet dann wieder in einer langsamen und gefühlvoll inszenierten Darbietung - erstklassig!

Auch „Human Beings Are Amazing“ greift das „Graceland“-Feeling wieder auf, woran sowohl der Rhythmus als auch das Gitarrenspiel deutlichen Anteil hat. Das kommt sehr verführerisch und funky, ein mehrstimmiger Background-Chorus gibt auch noch eine Prise R&B dazu - ein tanzbares Gute-Laune-Stück! Überhaupt kommen immer wieder Stimmen im Chor zum Einsatz, teils A-cappella vorgetragen.

Tolyqyn Tal Arditi Guitar

Immer wieder ändern sie den Rhythmus und Charakter innerhalb eines Stückes, setzen mit Instrumenten Akzente und variieren hier geschickt mit fließenden Übergängen, schön zu bewundern in „Flying Free Blues“. Dieses Stück hören wir auch nochmal in einer Live-Version mit einer Prog-Rock-Variante, die ich absolut faszinierend finde. Nicht weniger überraschend kommt das anschließende „Basel Airport“, welches mit einem ultracoolem Bass und begleitenden Gesang startet und in eine trashige Mischung aus Garagenrock und Jazzrock mündet!

In der letzten Nummer „It Pains Me To Let Go“ lassen sie nochmal ihr ganzes Können und all die Einflüsse von Afrobeat und Progrock, von Jazz und Ballade zusammenfließen. Genau dies und die oben bereits erwähnten vielseitigen Arrangements, die ausgiebigen Instrumental-Parts und all die verblüffenden musikalischen Ideen sind es, die diese Doppel-LP so großartig werden ließen. Mich wundert es nicht angesichts der Grooves, die in die Tanzbeine gehen und zugleich die Seele streicheln - ganz, ganz großartig!

PS. Diese beiden Schallplatten klingen ganz vorzüglich und die Pressung ist top, zusammen mit dem tollen Hochglanz-Klappcover ne tolle Sache für Vinyl-Fans!

 

Fakten

Erstveröffentlichung: 25. April 2020
Label: KNO Records / Hey!blau Records
Bestell-Nummer: KNO RECORDS 21 / HBL-20028
Pressung: WMFONO, Polen
Pressqualität*: 4
Inhalt: 2x 180g Vinyl
Besonderheit: Hochganz-Klappcover, limitierte Auflage
Aufnahmen: Dezember 2018 im Monochrom Studio in Polen, im Sommer 2019 weitere Aufnahmen durch Roland Satterwhite sowie live Oktober 2019 in Berlin.

 

Besetzung

Tal Arditi - electric guitar, acoustic guitar
Roland Satterwhite - voice, viola, bass, violin
Kuba Gudz - drums, percussion

Elisabeth Mulroy - voice
Ganna Gryniva - voice
Joy Tyson - voice
Victoria Priester - voice, organ
Sebastian Peszko - viola
Susanne Knast - cello
Pietro Fornara - bass

 

Trackliste

Seite 1

1. Ditch
2. Won’t Let It Eat Me
3. Touch Me Right (Live)

Seite 2

4. Human Beings Are Amazing
5. Flying Free Blues
6. Autobiography

Seite 3

7. Our Love Will Reach The Sea
8. Prison Cell
9. Flying Free Blues (Live)
10. Basel Airport

Seite 4

11. One Eye In, One Eye Out
12. Touch Me Right
13. It Pains Me To Let Go

 

 * Pressqualität 1-5:
1= starke Nebengeräusche, deutlich sichtbare Pressfehler
5= keinerlei Nebengeräusche, optisch perfekt