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Kein Album für den schnellen Konsum und nix für Radio-Playlists: "Carry On" | Foto: Mads Perch

Ich war aufgeregt, als die neue LP von Robert Plant zum ersten Mal auf dem Plattenteller lag. Ich war verstört und gar enttäuscht, dann aber offenbarten sich mehr und mehr die Qualitäten dieser Doppel-LP. „Carry Fire" ist kein leicht zu konsumierendes Album - es will entdeckt werden! Mehr dazu in der Rezension.

 

Robert Plant - Carry Fire (2 LP, Vinyl)

Es gibt Schallplatten, die gehen sofort ins Ohr und andere wieder brauchen einige Hördurchgänge, bis sie ankommen. Letzte haben dann meist auch mehr Tiefgang und offenbaren auf dem zweiten oder dritten Durchlauf faszinierende Details. „Carry Fire" ist ein solches Werk, das zumindest mir erst mal nicht gleich geöffnet hat. Der erste Eindruck war schon kraftvoll und beeindruckend. Dann aber gab es immer mehr Songs, die für mich erstmal nicht so ganz den Erwartungen entsprachen. Denn sie sind anders!

 

Ein Rock-Album abseits des Mainstream

Robert-Plant-Carry-Fire-VinylAber erstmal der Reihe nach. „Carry Fire" entstand in England in verschiedenen Studios, Robert Plant holte sich dazu sein bewährtes Team der The Sensational Space Shifters an die Mikrofone: John Baggot, Justin Adams, Dave Smith und Liam "Skin" Tyson. Ausserdem waren illustre Gäste mit an Bord: mit Chrissie Hynde sang Plant ein Duett, der albanische Cellist Redi Hasa war bei drei Songs dabei, der geschätzte Seth Lakeman gab an der Viola seinen Part dazu und Richard Ashton bediente das Schlagzeug in einer Nummer.

Insgesamt begegnen wir bei diesem Werk eine beeindruckende Zahl an Instrumenten, teils recht exotischer Art: Djembe, Oud, Bendir oder auch T'Bal. Genau das ist eines der bedeutenden Elemente dieser Kompositionen. Auch wenn man nicht von einem Weltmusik-Album sprechen kann, so kommen doch viele Einflüsse in den elf Tracks zum Vorschein. Das mögen hier keltische, urbritsche Motive sein, dort wieder fernöstliche Klänge, dann geht es rhythmisch in verborgene Ecken Afrikas. Plant versuchte jedoch nicht, daraus eine Art Weltreise zu machen, sondern integrierte diese folkloristischen Parts in seinen eigenen Ideen-Kosmos.

Um sich darauf einzulassen, muss man loslassen können - von dem Led Zeppelin-Ballast, den Plant wohl zeitlebens mit sich schleppt. Und es muss nicht immer wieder „Kashmir" zum hundertsten Mal entstehen - nein, diese Platte hat einen eigenen Charakter. Sie ist rockig, ja, aber auch folkloristisch, geheimnisvoll, vertrackt und immer wieder geschickt aufgebaut. Die Rhythmen sind nicht festgenagelt von Beginn bis Ende des Songs, sondern zeigen sich variabel angelegt. Immer wieder tauchen neue Instrumente auf und sorgen so für ein abwechslungsreiches Hörerlebnis. Plant fordert seine Zuhörer mit diesen Songs auf, sich offen gegenüber ein Wechselspiel der Gefühle einzustellen. Er wollte in „Carry Fire" altes mit neuem verbinden, also die von ihm und seiner musikalischen Vergangenheit bekannten Stile weiterentwickeln und mit neuen Ideen anreichern. Ich finde, das ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen.

Durch die raffinierten und wahrlich gelungenen Arrangements klingt die LP gut und aufregend, allerdings wirkt sie auf mich auch etwas überproduziert. Dadurch kann ich ihr nicht wirklich einen feinen Klang attestieren, allerdings hat sie auch andere musikalische Ansätze als etwa eine kleine Jazzbesetzung oder einem schlichten Songwriter-Album. „Carry Fire" hat Kraft und Dominanz, das drücken die elf Songs deutlich aus. Es sind die viele Stimmungen und Variationen, die dieser Doppel-LP ihren so besonderen Reiz verleihen. Das Klappcover ist übrigens mit einem dicken Karton hochwertig gestaltet, das Vinyl ist recht ordentlich gefertigt. Die elf Songs verteilen sich auf drei LP-Seiten, auf Seite 4 ist eine schicke Gravur gepresst.

Ich komme nicht umher, dieses 2017er Werk von Robert Plant als ein anspruchsvolles Rockalbum zu bezeichnen. Als eines, das mit jedem neuen Hördurchgang neue Facetten offenbart und damit sein wahres Niveau offenbart. Meine persönlichen Highlights an diesem Hörabend waren der Titelsong „Carry Fire" mit einem orientalischen Flair und das berauschende „Bluebirds Over The Mountain". Aber mal schauen, vielleicht ist das morgen schon wieder anders...

 

Fakten

Erstveröffentlichung: 13. Oktober 2017
Label: Nonesuch Records / Warner Music
Bestell-Nummer: 563057
Pressung:
Inhalt: 2x 140g Vinyl
Besonderheit: Klappcover, vierseitige Textbeilage, Seite 4 unbespielt / mit Gravur

 

Besetzung

Robert Plant - vocals, production
Justin Adams - electric & acoustic guitars, oud, e-bow quartet, percussions, snare drum, tambourine
Liam "Skin" Tyson - dobro, electric & acoustic guitar, pedal steel, 12-string
John Baggott - acoustic & electric piano, keyboards, bendir, loops, moog bass, slide guitar, T'Bal, snare drum, drums, percussions, brass arrangement
Billy Fuller - bass, drum programming, keyboards
Dave Smith - drum set, bendir, tambourine, djembe

Gäste:

Chrissie Hynde - vocals (in „Bluebirds Over The Mountain")
Redi Hasa - cello (in „A Way With Words", „Carry Fire" „Bluebirds Over The Mountain")
Seth Lakeman - viola (in „The May Queen", „Carry Fire", „Bluebirds Over The Mountain")
Richard Ashton - drums (in „Bluebirds Over The Mountain")

 

Trackliste

Seite 1

1. The May Queen
2. New World...
3. Season's Song
4. Dance With You Tonight

Seite 2

5. Carving Up The World Again... A Wall And Not A Fence
6. A Way With Words
7. Carry Fire

Seite 3

8. Bones Of Saints
9. Keep It Hid
10. Bluebirds Over The Mountain
11. Heaven Sent

Seite 4

unbespielt / Gravur

 

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