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Eine musikalisch höchst spannende, audiophile LP von Nik Bärtsch’s Mobile | Foto: Christian Senti

An die Doppel-LP „Continuum" geht man nicht mit den Vorstellungen heran, wie melodisch sie ist, ob modern oder klassisch, geht die Platte funky ab oder ist sie eher dezenter arrangiert. Der Schweizer Keyboarder und Komponist Nik Bärtsch erarbeitete mit seiner Band Mobile ein völlig überraschendes Werk, das nicht nur viele Stilrichtungen vereint, sondern auch ein verblüffendes Konzept präsentiert.

 

Nik Bärtsch's Mobile - Continuum (2 LP, 180g Vinyl)

Nik Baertschs Mobile-Continuum ECM 2464 LPNik Bärtsch, Jahrgang 71, geboren in der Schweiz, gehört zu den Musikern, die ihr Können in Hochschulen studiert haben. Bärtsch hat ein klassisches Klavierdiplom in der Tasche und studierte auch noch Philosophie, Linguistik und Musikwissenschaft. Damit dürfte klar sein, dass er nicht nur sein Handwerk versteht, sondern auch tief in der Musiktheorie zuhause ist. Bärtsch andere Leidenschaft gilt der japanischen Kultur und Kampfkunst - bringt man nun diese geistliche Haltung mit der musikalischen Prägung zusammen, wird verständlicher, was der Schweizer in seiner bisherigen künstlerischen Laufbahn entwickelt hat.

Mit der akustischen Formation Mobile widmet sich Nik Bärtsch kammermusikalischen Formen, ohne dabei aber in die Kammermusik abzudriften. Die Kompositionen für die LP „Continuum" sind weitgehend frei von stilistischen Konventionen. Auch wenn er sich eines Streichquintetts bedient, so sind diese Instrumente lediglich Teil seines musikalischen Denken und Ausdruck. Überhaupt, nicht der solistische Fokus, sondern ein kollektiver Gruppenklang vermitteln das, was die „Continuum" ausdrücken möchte. Immer wieder vereinigen sich die Klänge der Mitwirkenden zu einem swingenden Rhythmus, in ein lustvolles Miteinander. Dennoch: wir hören hier weder Kammermusik noch Jazz, weder Funk noch Rock - wohl aber eine synergetische Melange aus all diesen Elementen.

 

„Continuum" seziert

Modul 29_14: Es entsteht ein Pingpong meist zweier Instrumente: Piano und Bassklarinette, Schlagwerk und Bassklarinette, Piano und Schlagwerk. Der Mitwippfaktor ist erstaunlich hoch.

Modul 12: Im Zeitlupentempo bewegt sich der Besen über das Becken, eine Trommel im Hintergrund und ein Klavierton erklingt - Spannung wird erzeugt, Bilder im Kopf entstehen.

Modul 18: Schräge Klavieranschläge versus Schlagzeug und Streicher, der Beat ist langsam, die Lautstärke ebbt langsam ab und wird wieder lauter. Das Finale wird wild.

Modul 5: Schnelle, repetitive Klänge vom Klavier und Schlagwerk werden von bedächtiger Viola und Klarinette begleitet, ehe ein üppiger, ja wuchtiger Schlussakkord einsetzt.

Modul 60: Das Stück beginnt kammermusikalisch mit Streichern und gibt sogar Raum für eine solistische Violine. Ein dunkler Grundton (mit einem gestrichenem Bass und einer weich aufgehängten Basstrommel) breitet sich aus und lässt eine düster, geheimnisvolle Atmosphäre entstehen.

Modul 4: Wieder repetitive Beats, rhythmisch fesselnd, raffiniert pointiert - dieses Stück lässt den Puls steigen.

Modul 44: Das Klavier spielt einen einfachen Akkord, während die Streicher eine wehmütige Melodie anstimmen, um zusammen mit dem Schlagzeug, dem Bass und der Bassklarinette einen hinreissenden Dialog einzugehen. Eine spannende Dramaturgie in über 10 Minuten, keine Sekunde davon ist langweilig.

Modul 8_11: Eine anfangs meditative Nummer, die zum Ende hin Fahrt aufnimmt. Ein würdiger Abschluss.

 

Auch wenn die Stücke aus „Continuum" teils minimalistische Züge aufweisen, so weisen die rhythmischen Strukturen auf eine organische Komposition hin. Nik Bärtsch zeigt mit seinem akustischem Ensemble Mobile, dass auch ohne elektronische Komponenten eine moderne Musik entstehen kann, die man freilich auch von Schönberg, Webern & Co. schon gehört hat. Der Schweizer aber hält sich nicht mit Imitation auf, sondern kreiert seinen eigenen Weg, der sich dem Zuhörer mal sinnlich und mal enervierend präsentiert.

Wir Vinyl-Fans kommen mit diesen beiden Schallplatten des Albums „Continuum“ in den Genuss einer exzellenten ECM-Klangqualität, die das hohe Niveau dieses Münchner Plattenlabel wieder einmal bestätigt. Die Aufnahmen von Stefano Amerio lassen Raum entstehen und zeigen die Klangfarben der Instrumente in ihrer natürlichen Schönheit - brillant!

 

Fakten

Erstveröffentlichung: 2016
Label: ECM Records
Bestell-Nummer: ECM 2464
Inhalt: 180g Vinyl, Klappcover, Download-Code

 

Besetzung

Nik Bärtsch - piano
Sha - bass clarinet, contrabass clarinet
Kaspar Rast - drums, percussion
Nicolas Stocker - drums, tuned percussion
Etienne Abelin - violin
Ola Sendecki - violin
David Schnee - viola
Solme Hong - cello
Ambrosius Huber - cello

Aufnahmen März 2015 Auditorio Stelio Molo RSI, Lugano, Schweiz

Nik Baertschs Mobile

Foto: Daniel Vass (auf dem Plattencover)

 

Trackliste

Seite 1

1. Modul 29_14 8:58
2. Modul 12 9:01

Seite 2

3. Modul 18 8:02
4. Modul 5 8:31

Seite 3

5. Modul 60 9:27
6. Modul 4 5:25

Seite 4

7. Modul 44 10:23
8. Modul 8_11 8:32