Fragen zum Fan - Blog? info@vinyl-fan.de

Neueste Beiträge

Neu im Blog

Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv
 

Foto: Anna Ziegler

Im Plattenladen dürfte das Debüt eines jungen Mannheimer Damen-Trio Aufmerksamkeit erzielen. Die Musik von Mayuko ist weit entfernt vom Pop-Einerlei, tiefgründig, spannend und fesselnd inszeniert. Sie ist modern gestaltet und zugleich ein künstlerisches Plädoyer, den Ereignissen dieser Welt etwas entgegen zu setzen.

Mayuko - Songs To Whistle When Strolling Along The Abyss (LP, Clear Vinyl)

Mayuko Songs To Whistle When Strolling Along The Abyss Vinyl 2024

Nun, ich bin alt. Im Plattenladen würde ich ein Cover wie das von „Songs To Whistle When Strolling Along The Abyss“ völlig unbeachtet lassen - ich stehe nicht so auf moderne Designs. Aber ich höre noch gut. Denn die LP liegt gerade auf dem Plattenspieler im besagten Laden und die Musik ist alles andere als langweilig. Nichts vordergründiges, sondern zum hinhören und wirken lassen. Tatsächlich scheint dieses Debütalbum des Mannheimer Trio Mayuko eher Leute anzusprechen, die sich noch gerne mit guter Musik auseinandersetzen.

 

Mit Leichtigkeit gegen die Abgründe der Welt

Rueckseite Mayuko„Lieder zum Pfeifen beim Spazierengehen am Abgrund“ - so die Übersetzung des Plattentitels. Ok, ich habe gerade das Plattencover in der Hand und drehe es um, wie man es halt so bei Schallplatten macht. Auf der Rückseite hat der Grafiker Philip Brückner einen Riss in der Landschaft dargestellt, im Hintergrund so etwas wie einen Sonnenuntergang stilisiert. Ein Spaziergang bei Sonnenuntergang ist ja an sich nett, wenn da nicht der klaffende Abgrund wäre. Bricht da die Welt auseinander? Zurück zur Frontseite: auf den ersten Blick wirkt das wie ein Vulkan, der seinen Ascheregen ausspeit - auf den zweiten Blick aber erkennt man ein liegendes Gesicht und dessen Atemwolke. Was das mit der Musik zu tun hat und warum ich das mit dem Cover so erwähne?

Moderne Grafik mag für jemand wie mich aufs Erste wenig wirken, ich stehe eher auf Oldschool. Setzt man sich jedoch damit auseinander, sieht das schon mal ganz anders aus. Und das vermutlich wollten die drei Damen von Mayuko erreichen. Denn diese Covergestaltung hat erstaunlich viel mit ihrer Musik zu tun. Lieder zum Pfeifen beim Spazierengehen am Abgrund - klingt absurd und abstrakt, ist aber so etwas wie eine Hommage, sich mit den Dingen unserer Welt auseinandersetzen zu können und sich dabei trotz aller Widrigkeiten eine gewisse Leichtigkeit zu bewahren.

Musikalisch erinnert mich so manche Nummer dieser LP an Björk, nicht nur stimmlich. Die zehn Songs sind mal dunkler, mal wieder verträumt, im Experimental Pop beheimatet. Synthesizer dominieren, aber nicht alleine. Kontrabass und Schlagzeug sowie in "Mother" auch Bläser ergänzen die eigenwillige Sound-Ästhetik, die wie im Beats im Eröffnungsstück „Force“ kraftvoll aus den Lautsprechern hämmern. Bei diesen Arrangements geht es weniger um eingängige Melodien als um die raffinierte Gestaltung von pulsierenden Rhythmen, zerbrechlichen Sounds, hinreissenden Gesang und den variabel eingesetzten Instrumenten. Ätherische Klanglandschaften entstehen dabei und mittendrin die beeindruckende Stimme von Michelle Cheung, einer Musikerin aus Kanada. Am Schlagzeug sitzt die aus Polen stammende Kasia Kadlubowska und aus Deutschland stammt die Bassistin Rebecca Mauch.

Mayuko Foto Anna ZieglerFoto: Anna Ziegler

Trotz der elektronischen Sounds wirkt die Platte erstaunlich angenehm, keineswegs abgehoben oder zu sehr in den Tiefen des Ambient verloren. Eher ist es so, dass die Tracks durch ihre sorgfältige Ausarbeitung eine enorme Tiefe offenbaren und selbst bei mehrfachen Hören keine Abnützungserscheinungen zeigen. Und damit ist man auch bei den inhaltlichen Themen der Musiker angelangt. Beispiel die Nummer „Human“:
Dieses Stück handelt von der Art und Weise, wie wir Medien konsumieren, und von der Angst, das Einfühlungsvermögen zu verlieren und gefühllos zu werden. Es drückt auch den Wunsch aus, trotz all der Katastrophen, die wir täglich sehen, die Hoffnung für die Menschheit aufrechtzuerhalten“. Diese und andere bewegende Gedanken finden sich in den Texten, die übrigens auf der Innenhülle abgedruckt nachzulesen sind.

Das milchige Clear Vinyl ist ordentlich gepresst, dem Hörerlebnis steht nichts im Wege, gönnt euch diese höchst interessante Schallplatte.

 

 

Fakten

Veröffentlichung: 26. Januar 2024
Label: Sinnbus
Bestell-Nummer: SR100
Pressung: Duophonic
Pressqualität*: 4
Inhalt: 140g Clear Vinyl
Besonderheit: Innenhülle mit Songtexten bedruckt
Aufnahmen:

 

Besetzung

Michelle Cheung - vocals, synthesizer
Rebecca Mauch - double bass, bass guitar, synthesizer, backing vocals
Kasia Kadlubowska - drums, samples, percussion, piano

 

Trackliste

Seite 1

1. Force
2. Cholericly Yours
3. New Moon
4. Human
5. Simmer

Seite 2

6. Mother
7. White Heat
8. Dance With Blue
9. Salty Waters
10. Clearness

 

* Pressqualität 1-5:
1= starke Nebengeräusche, deutlich sichtbare Pressfehler
5= keinerlei Nebengeräusche, optisch perfekt

 

Aktuell sind 112 Gäste und keine Mitglieder online