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Ein Schneidekopf in Aktion | Foto: Emil Berliner Studios

Die Vinyl-Renaissance beschert uns immer mehr herausragend produzierte LP-Serien, nun auch für Klassik-Liebhaber: das renommierte Plattenlabel Deutsche Grammophon öffnet zur Feier des 125. Jubiläum seine Archive für „The Original Source“. In dieser Reihe werden 14 Alben wiederveröffentlicht, welche Musikgeschichte geschrieben haben. In den Emil Berliner Studios wurden die original 4-Spur-Analogbänder restauriert und auf ein bemerkenswertes stereophones Klangniveau gehievt. Hier kommen die ersten vier beeindruckenden Schallplatten in einer Review und eine Einführung in den Entstehungsprozess.

 

The Original Source - Vinyl Klassiker zum 125. Jubiläum der Deutschen Grammophon

The Original Source Vinyl 2023 Deutsche Grammophon

125 Jahre Deutsche Grammophon - das will nicht nur gefeiert, sondern auch durch 14 Wiederauflagen unterstrichen werden. Und wer könnte so etwas besser bearbeiten als das Team der Emil Berliner Studios, welche die alte Tradition dieser Schallplatten-Firma fortführt. Die Idee zu den LPs von The Original Source war jedoch weit mehr, als eine bloße Wiederveröffentlichung alter Titel, es sollte etwas Besonderes werden.

 

Die Hintergründe zu den Reissues von The Original Source

The Original Source Tonbandmaschine Foto Emil Berliner StudiosFoto: Emil Berliner Studios

Die Geschichte von Deutsche Grammophon ist nicht nur vielfältig, sondern auch immer wieder von technischen Innovationen geprägt. Eine davon entstand in den 1970er Jahren, als die Aufnahmeabteilung der DG mit der Produktion für Quadrophie-Sound begann, quasi einem Vorläufer der späteren Dolby Surround-Technik. Mit einem 4-Spur-Tonband nahm man vorwiegend klassische Werke auf, die über die beiden vorderen sowie zwei hintere Lautsprecher wiedergegeben werden sollten. Das Problem war nur, dass es auf dem Markt eigentliche keine bezahlbaren Geräte für Endverbraucher gab, um diese Technik nutzen zu können.

So hat man damals diese 4-Spur-Master zu normalen 2-Spur-Stereo gemischt, es wurden also von den jeweiligen Aufnahmen nur über Kopien die damaligen Schallplatten produziert. Bekanntermaßen entstehen bei solchen Kopien immer gewisse Verluste, insbesondere von den 4-Spur-½-Zoll-Mastern auf die ¼-Zoll-Bänder übertragen werden musste. Die damals veröffentlichten Platten waren also von Kopien entstand, wenn auch freilich auf hohem DG-Niveau.

Nun aber hat sich das Team um den Geschäftsführer, Tonmeister & Produzenten Rainer Maillard in den heutigen Emil Berliner Studios, die eine eigene Firma (EBS Productions GmbH & Co. KG) in der Tradition des legendären Hannoverschen Studio darstellen, diesem Thema angenommen. Was daraus entstand, ist nicht aus High-End-Sicht spannend, sondern vor allem für Musikliebhaber eine besondere Gelegenheit, die Meisterwerke aus dem Hause der DG ganz neu zu erleben.

Denn es ging Maillard nicht darum, die alten 4-Spur-Bänder einfach nur zu remastern und zu einem neuen Mix zu verarbeiten, sondern tatsächlich dieses Masterband für die Herstellung der Lackfolie zu verwenden. Was wohl nicht ganz so einfach war. Denn es war eine spezielle Bandmaschine mit einer doppelt so breiten Spur nötig. Ausserdem mussten die vorderen und hinteren Kanäle in Echtzeit auf Stereo gemischt werden, wofür die Emil Berliner Studios extra ein passives Mischpult entwickelt haben. Zu erwähnen ist übrigens hier noch die Toningenieurin Sidney Claire Meyer, welche für den Vinyl-Schnitt verantwortlich war.

The Original Source Schneidekopf Foto Emil Berliner StudiosFoto: Emil Berliner Studios

Die Original Source Serie hat also wesentliche Vorteile: keine Bandkopien wie damals, es mindern keine unnötigen Geräte den Weg der Musikinformationen hin zum Schneidekopf und es findet keine digitale Klangbearbeitung statt: es handelt sich also um eine rein analoge Produktion!

Das Ergebnis hören wir nun auf den ersten vier LPs, die gegenüber den Originalveröffentlichungen laut den Angaben zufolge „mehr Klarheit, mehr Details und ein besserer Frequenzgang, sowie weniger Rauschen, weniger Verzerrung und weniger Kompression“ haben sollen. Da ich keine der hier vorgestellten Platten im Original vorliegen habe, kann ich nur von dem berichten, was ich mit diesen neuen Vinyl-Ausgaben hören kann. Und das ist beeindruckend!

 

Die Ausstattung der The Original Source-LPs

Noch eines zur äusseren Gestaltung der LPs: die exzellent gepressten Vinylscheiben (optimal media) stecken in guten gefütterten Innenhüllen und kommen in Klappcover mit dickem Karton, welche auf der Innenseite neben Fotos zu den Musiker bzw. Dirigenten noch Abbildungen der damaligen Protokolle und Dokumentationen zu den Aufnahmeproduktionen zeigen. Zusätzlich ist bei jedem Album noch ein Blatt enthalten, das die oben beschriebenen technischen Gründe erklärt und auf der Rückseite ein Faksimile der jeweiligen Archivband-Infos abbildet. Die Klappcover sind übrigens handnummeriert, die Limitierung der jeweiligen LPs ist unterschiedlich.

 

Die Reissues von The Original Source

 

Ludwig van Beethoven - Symphonie Nr. 7 (LP, Vinyl 180g, Limited Edition)

Beethoven Symphony Nr 7 Vinyl 2023

Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Carlos Kleiber.
Aufgenommen 26.–29. November 1975 und 16. Januar 1976 im Wiener Musikvereinssaal.
Auf 3200 Stück limitiert.

Hätte Carlos Kleiber dem Wunsch seines Vaters entsprochen, „etwas vernünftiges zu lernen“, so wäre er wohl nicht das geworden, wofür ihn die Musikwelt schätzt: als einen der größten Dirigenten aller Zeiten. Auch seine Kollegen schätzten in so sehr, dass er bei einer Umfrage der BBC im Jahre 2011 zum „besten Dirigenten aller Zeiten“ gewählt wurde. Seine Aufnahmen zur siebten Sinfonie von Beethoven für die DG gilt unter Experten zu den besten Einspielung dieses Werkes, auch wenn es davon unzählige und auch sehr gute LPs gibt.
Tatsächlich habe ich mir diese Schallplatte mehrfach angehört und bei jedem weiteren Durchgang eine andere Stelle entdeckt, die mir noch mehr Freude bereitet hat als zuvor. Was mir besonders auffiel, ist die Feinsinnigkeit der Streicher, wenn sie aus den Tutti eine sanftere Passage einleiten. Der dabei entstehende Schmelz ist unglaublich, die klanglich Güte wiederum offenbart selbst winzige Nuancen.
Dem starken Rhythmus des ersten Satzes wird das Allegretto des 2. Satzes gegenübergestellt, mit einer wunderbaren Melodie, die uns Kleiber und die Wiener Philharmoniker mit faszinierender Hingabe präsentieren. Spätestens bei diesen 8:02 Minuten dauernden Stück dürfte jedem Hörer klar sein, dass diese Schallplatte ein Meisterstück ist.

 

Igor Strawinsky - Le Sacre du Printemps (LP, Vinyl 180g, Limited Edition)

Strawinsky Le Sacre du printemps Vinyl 2023

London Symphony Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado
Aufgenommen 7.-9. Februar 1975
Auf 2400 Stück limitiert

Diese LP ist ein Ereignis - musikalisch aufregend und klanglich überragend und wuchtig inszeniert. Als es 1913 in Paris uraufgeführt wurde, sorgte die Ballettmusik mit dem Titel „Die Frühlingsweihe“ oder auch „Das Frühlingsopfer“ für keine Begeisterung, im Gegenteil. Igor Strawinski hatte mit seinem Werk, das sich mit außergewöhnlicher Rhythmik und teils dissonanten Strukturen als keineswegs einfaches Musikstück darstellt, dem damaligen Publikum einiges abverlangt. Heute dagegen gilt „Le Sacre du Printemps“ längst als Meisterwerk der Neuen Musik und hat entsprechend unzählige Interpretationen und Aufführungen gesehen. Was Claudio Abbado zusammen mit dem London Symphony Orchestra im Jahre 1975 inszeniert hat, beeindruckend durch eine großartige dynamische Bandbreite. Dabei sind die solistischen Vorträge wie etwa von Fagott oder Flöte genauso präsent und gut hörbar wie die scharfen Einlagen von Blechbläser und Streichern das Geschehen nicht überreizen, sondern in perfekter Balance zueinander stehen. Besonders im zweiten Teil der Platte („Le Sacrifice“) zeigt sich die Schönheit dieser Einspielung mit einer feinsinnigen, fast düsteren Darbietung, ehe es wieder opulenter und schriller wird.
Wie diese unglaublich detailreichen Instrumentierungen akustisch so subtil von den Mikrofonen eingefangen wurde und heute mit dieser Wahnsinns-LP derart perfekt wiedergegeben wird, das ist schon etwas ganz besonderes!

 

Gustav Mahler - Symphonie Nr. 5 (2 LP, Vinyl 180g, Limited Edition)

Mahler Symphonie Nr 5 Vinyl 2023

Herbert von Karajan & Die Berliner Philharmoniker
Aufnahmen 13.-16. Februar 1973 in der Jesus-Christus-Kirche Berlin-Dahlem

Sie ist überwältigend, monumental, sie glänzt in brillanter Schönheit und ausdrucksvollem Pathos: die fünfte Sinfonie von Gustav Mahler gehört zu den Glanzlichtern der modernen Klassik des frühen 20. Jahrhunderts. In fast 74 Minuten bringt uns diese Einspielung ein Werk in fünf Sätzen nahe, die nicht nur unsere gesamte Aufmerksam einfordert, sondern auch in hohem Maße die Emotionen weckt. Vom Trauermarsch über den überbordenden, eigentlichen Hauptsatz „Stürmisch bewegt, mit größter Vehemenz“ bis hin zu jenem Adagietto, das Luchino Visconti in seinem berühmten Film „Tod in Venedig“ verwendet hat, wird der Hörer immer wieder auf ganz verschiedene Weise aufgewühlt.
Der Grund dafür dürfte vermutlich die Interpretation von Karajan und seinen Berliner Philharmonikern sein, die intensiv und jederzeit berührend ist. Die Dramatik und Wucht der komplexen Parts steht dabei im Kontrast zu den sanften Klängen von Harfe und Streicher im legendären Adagietto, bei dem Gänsehaut garantiert ist.
Dafür sorgt alleine schon die grandiose Aufnahmequalität des damaligen DG-Team Günther Hermanns, Hans Weber und Dr. Hans Hirsch, die in der Kirche von Berlin-Dahlem ein einzigartiges Tondokument aufgezeichnet haben. Und das nun vorliegende analoge Remastering ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend, wobei mich eines ganz besonders fasziniert: gerade in etwas dezenteren Passagen wird die tolle Raumakustik deutlich und versetzt einen direkt in die Kirche - vor dem Orchester sitzend und diesem Ereignis lauschend!

 

Franz Schubert - Forellenquintett (LP, Vinyl 180g, Limited Edition)

Schubert Forellenquintett Vinyl 2023

Amadeus Quartett, Emil Gilels (Piano), Rainer Zepperitz (Kontrabass)
Aufnahmen 31. August - 4. September 1975 im Konzerthaus in Turku / Finnland

Selbst für Musikhörer, die Kammermusik eher stiefkindlich ansehen und recht selten eine LP dieses Genre auflegen, ist das „Forellenquintett“ eine herausragende Ausnahme. Dieses Klavierquintett von Franz Schubert (sein einziges übrigens!) hat durch seine heitere Stimmung eine Sonderstellung bei klassischen Werken mit kleiner Besetzung. Wobei wohl das Londoner Amadeus Quartett einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat, dass diese Einspielung der Deutschen Grammophon unter den unzähligen LPs des Forellenquintetts besonders beliebt ist. Der harzige Ton der Streicher kommt hier gut zur Geltung, an einigen Stellen wirkt er beinahe schon zu intensiv, ohne es dabei zu übertreiben - das macht diese Werke-Interpretation lebendig und emotional. Der ukrainische Pianist Emil Gilels zeigt durch seinen eleganten Vortrag, dass er zu den besten Virtuosen seiner Zeit gehörte. Rainer Zepperitz wiederum, der als Solokontrabassist bei den Berliner Philharmoniker eine bedeutende Rolle spielte, macht ebenfalls deutlich, dass ein Kontrabass auch akustisch eine wunderbare Sache sein kann.
Überhaupt zeigt sich auch diese LP klanglich sehr reizvoll: die Instrumente sind akkurat abgebildet, zeigen sich scharf, wenn nötig und angenehm weich, sobald es das Programm verlangt. Wenn man eine so wunderschöne Musik als extrem hochwertig aufgenommene Testschallplatte missbrauchen will, dann mag sie dafür geeignet sein. Die überwiegende Zahl von Vinyl-Fans werden jedoch diesen Aspekt lediglich als angenehme Begleiterscheinung wahrnehmen und sich stattdessen ganz der wunderbaren Musik widmen!

 

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