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Dekowand mit LPs aus den Newbilt-Pressmaschinen

Am Anfang ward… eine Schallplattenpresse. Nein, natürlich nicht. Wir schreiben weder die Bibel noch die Geschichte von Newbilt neu. Erwin Neubauer, Chef dieser Firma, war früher eigentlich im Bereich der CD Produktion tätig. Wie es dazu kam, dass im Laufe dieses Entwicklungsprozesses am Ende nagelneue Pressmaschinen für Vinyl Schallplatten stehen, erzählt unser Bericht bei dieser vergleichsweise jungen Firma aus Alsdorf.

 

Zu Besuch bei Newbilt in Alsdorf - Neue Schallplattenpressen Made In Germany

Newbilt Schallplattenpresse Duplex SystemFoto: Halbautomat Duplex-System inklusive Extruder und Randabschneider

Im Laufe der 80iger und 90iger Jahre wurden in Deutschland und weltweit viele Schallplatten-Presswerke geschlossen. Niemand glaubte damals, dass die teils Jahrzehnten alten Pressmaschinen jemals wieder gebraucht werden. Heute, rund 30 Jahre später, wissen wir es besser. Es tauchen nicht nur immer mehr Presswerke auf, sondern es erhöht sich damit auch der benötigte Maschinenpark. Die noch verbliebenen alten Maschinen decken mittlerweile längst nicht mehr den Bedarf. Diese Zeichen der Zeit erkannten Erwin und seine Frau Vivianne Neubauer sowie Kollegen, um auf eine komplett neu aufgebaute Schallplattenpresse zu setzen.

Auch nach einem Umzug ist Newbilt weiterhin in Alsdorf angesiedelt, einem geschichtsträchtigen Ort, wo seit 1976 Warner Music ein allseits bekanntes Presswerk betrieb. Passt also prima, daran anzuknüpfen und kommenden Generationen ein nagelneues Equipment zur Herstellung der geliebten Schallplatten zu bieten. Wir besuchten die Firma am Samstag, den 1. April 2023 - kein Aprilscherz, sondern eine sehr spannende Gelegenheit, Informationen aus erster Hand zu bekommen.

Begrüßt wurden wir von Geschäftsführer Winfried Söllner, Viviane Neubauer und ihrem Sohn Marius Neubauer. In lockerer Runde stellten wir gemeinsam fest, dass das Thema „Schallplatten produzieren“ weit mehr ist, als ein Stück Vinyl-Kuchen in eine Presse zu schieben und als Ergebnis eine wunderbar klingende Schallplatte zu erhalten. Bis es so weit ist, bedarf es einer erstaunlichen Menge an Know-How und besonders auch an einer Infrastruktur rund um eine solche Presse. Davon wurden so manche Neukunden überrascht, die dachten, mit dem Kauf einer Plattenpresse sei alles getan, um schlußendlich nagelneue LPs fertigen zu können. Weit gefehlt!

 

Mehr als eine Schallplatten-Pressmaschine

Newbilt Schallplattenpresse Dampf Erzeugung Was scheinbar simpel klingt, nämlich eine Vinylmasse in einer Pressemaschine mit den beiden Pressmatrizen (auch Stamper genannt) unter hohem Druck zu einer Schallplatte verwandeln, ist nur ein Teil des gesamten Prozesses. Diese Maschine ist nur ein Teil des gesamten Equipment, das zur Produktion nötig ist. Mit einer Anekdote machten Marius Neubauer und Winfried Söldner deutlich, was manche unterschätzen: ein weit entfernter Kunde installierte eine Newbilt-Anlage und schickte dann ganz stolz die Fotos. Im Büro von Newbilt gab es dann das Ratespiel „finde den Fehler“ - und man fand ihn: es wurden die Dampf-Anlage vergessen! Tja, kann ja mal passieren.

 

 

 

Newbilt Schallplattenpresse Druckerzeugung Auch für den Laien und Vinyl-Fan dürfte es interessant sein, was rund um die Hydraulik-Plattenpresse alles nötig ist: ein ausreichend großer Raum bzw. je nach Anforderung eine Halle, ausreichend Strom-Anschlussleistung, eine Dampfanlage, eine Wasserkühlung und dann die Gerätschaft - neben der Pressmaschine ein sogenannter Extruder (hier wird aus dem Vinylgranulat ein Vinylkuchen produziert), eine Druckanlage und ein Randabschneider. Allerdings bezieht sich das auf die halbautomatische Handpresse. Irn einem Vollautomat kommen noch eine Reihe anderer Komponenten dazu: Papier-Label-Zuführung, das vollautomatisches Be- und Entlade-Handling, ein Ablagestapel für die fertigen LP mit einer automatischen Einfügung von Alu-Kühlplatten und vieles mehr.

 

 

Der Newbilt-Halbautomat

Newbilt Schallplattenpresse Halbautomat mit ExtruderFoto: Newbilt-Halbautomat mit Extruder

Anfangs beschäftigten sich Erwin Neubauer und seine Mitarbeiter noch mit dem Refurbishing (Überholung und Aufarbeitung) alter Schallplattenpressen, bis man sich auf dem Bau einer komplett neuen Maschine spezialisierte. Die zuerst entstandenen Halbautomaten stehen mittlerweile in bereits unzähligen Presswerken weltweit, eines der berühmtesten dürfte wohl Jack White’s Third Man Records in Detroit/USA sein. Unten seht ihr einen Link zu Third Man Pressing, wo man im Video sehr schön die Newbilts in Aktion sehen kann.

Wer nun glaubt, eine Bedienung mit diesem Halbautomaten sei umständlich und möglicherweise anfällig für Fertigungsfehler oder Beschädigungen an der LP, der darf hier überrascht sein: nicht nur die Qualität ist überzeugend, sondern auch die Geschwindigkeit. Mit einer Duplexanlage - zwei Pressen und ein Extruder - kann ein eingespielter Bediener zwei LPs in rund 45 Sekunden herstellen. Und das, ohne sonderlich gestresst zu sein, wie Winfried Söllner augenzwinkernd bemerkte. Um sich noch einmal vor Augen zu führen, dass sich auch Presswerke mit extrem hohen Anforderungen für Newbilt entschieden haben, kann man neben Third Man Pressing auch bei Nordsø Records in Dänemark sehen, die u.a. für LowSwing Records exzellente LPs produzierten.
Vorteil dieser Maschine ist die modulare Bauweise, die einen einfachen Wechsel zwischen 7“ Single, 10“-Platten, 12“-LPs, 140g, 160g oder 180g-Platten, schwarzes oder farbiges Vinyl ermöglicht. Das Konzept dieser Presse basiert übrigens auf die Finebilt-Pressen, die noch bis Anfang der 1960er Jahre hergestellt wurden.

 

Der Newbilt-Vollautomat Classic 12“

Newbilt Schallplattenpresse Vollautomat PrototypFoto: Vollautomat (Prototyp)

Bei unserem Besuch stand in der Fertigungshalle neben halb montierten und einigen bereits verpackten Maschinen auch der Prototyp des kommenden Vollautomaten, der Classic 12“ genannt wird. Hier erklärte man uns, welche wichtigen Unterschiede zu herkömmlichen Pressen eingebaut wurden. Ein zentraler Punkt ist der fette Presskolben, der anders als bisherige Maschinen (und auch beim Mitbewerber Phoenix Alpha) die Größe der 12“-LP hat - Verwindungen der Presswerkzeuge haben da keine Chance mehr. Hintergrund ist auch die Gefahr, dass schon bei der Pressung eine Verspannung im Vinylmaterial entsteht und so später die berühmten „Schüsseln“ (konkav/konvexe LP) auf dem Plattenteller liegen.

 

Neue Sensorik

Newbilt Schallplattenpresse Alu KuehlplatteFoto: Alu-Kühlplatte

Ein weiteres wichtiger Unterschied ist die Überwachung der Temperaturen von Dampf und Kühlwasser, bei Abweichungen vom Sollwert werden im Produktionsprozesse die Parameter automatisch angepasst. Damit wird der Einsteller unterstützt und entlastet. Überhaupt wurde großen Wert auf die Einstellbarkeit aller nötigen Parameter gelegt, um den individuellen Bedürfnissen der Kunden Rechnung zu tragen. Eine hohe Luftfeuchtigkeit in Südamerika bedarf andere Einstellungen an der Maschine als im kühleren Dänemark oder in den heißen Gefilden Italiens. Im unten gezeigten Foto sieht man etwa auch, nach wieviel LPs eine Alu-Kühlplatte eingelegt wird. Empfohlen wird hier der Wert 5, möglich sind aber auch bis zu 10 LPs. Was ich auch nicht wusste: bei den verschiedenen Vinyl-Farben sind auch unterschiedliche Temperatur-Einstellungen nötig.

Newbilt Schallplattenpresse Display Einstellung KuhlplatteFoto: Display mit den Einstellwerten für Kühlplatten

 

Die Labelstanze

Newbilt Schallplattenpresse LabelstanzeFoto: Plattenlabelstanze

Was wir auch noch in einem frühen Stadium sehen durften, ist ein Labelstanze. Mit dieser Apparatur kann Recycling betrieben werden: aus Fehlpressungen (auch solche aus alten Produktionen) oder LPs, die eigentlich weggeworden werden sollen, können hier die Papierlabel in der Mitte der LP ausgestanzt werden und das restliche Vinyl wiederverwertet werden. Nach Aussage von Winfried gibt es in Belgien bereits eine Firma, die dies erfolgreich praktiziert. Dahinter steckt nicht nur der ökologische Aspekt der Wiederverwertung eines wichtigen Rohstoffes, sondern auch auf Dauer eine Kostenersparnis. Denn der Vinylabfall aus einem Schallplattenpresswerk ist teuerer Sondermüll!
Überhaupt wird bei der Produktion bis zu 30% des Überschussmaterial (Randabschnitt) dem Recycling zugeführt: das noch frische Vinylmaterial wird also geschreddert und wieder dem Extruder-Granulat zugefügt.

Newbilt Schallplattenpresse ausgestanzte LPFoto: LP mit ausgestanztem Plattenlabel

 

Faktoren hoher Pressqualität

Newbilt Schallplattenpresse Alu KuehlplattenstapelFoto: Alu-Kühlplatten-Stapel

Was zur Zeit in aller Munde scheint, ist die mangelhafte Pressqualität der heute neu gefertigten LPs. Das Team von Newbilt darauf angesprochen, ergaben sich eine ganze Reihe möglicher Fehlerquellen, die Newbilt ihren Kunden - also den Presswerken - mitgeben:

- eine sorgfältige Justage aller nötigen Parameter wie Temperatur, Druck etc. Dem Einsteller werden zwar Grundrezepte zur Hand gegeben, trotzdem muss jeder selbst den perfekten Weg mit der zur Verfügung stehenden Vinylmischung finden.

- penible Sauberkeit aller Werkzeuge, z.B. auch die Fläche der oberen und unteren Presse, auf die dann die ebenfalls perfekt gereinigten Pressmatrizen (Stamper) gesetzt werden. Ist hier nur ein unscheinbares Haar oder Fussel darunter, ist dies auf der fertigen LP enthalten! Aber auch die Sauberkeit rund um die Maschine ist von wesentlicher Bedeutung. Dazu gehören z.B. auch die Kühlplatten, die zwischen den frisch gepressten LPs liegen.

- spätestens nach 500 LPs sollten die Stamper gewechselt werden. Man hat mir auch erklärt, dass ein solcher Stamper abrasiv ist - die Form der Rille mit zunehmender Standzeit abnimmt!

- die Abkühlzeit der LPs in den Spindeln sollte mindestens 24 Stunden, besser 48 Stunden dauern. Und wie oben bereits erwähnt, je weniger LP zwischen den rund 400g schweren Alu-Kühlplatten liegen, desto planer die LPs.

- wie ebenfalls oben bereits erklärt, sorgt die LP-große Presse für eine verwindungssteife, gleichmässige Pressung, zu der übrigens auch die Einhaltung der Zykluszeit gehört- Die Unterschreitung der empfohlenen 28 Sekunden je 180g LP sorgt zwar für mehr Tempo, nicht aber für bessere Qualität.

- die richtige Menge für den Vinylkuchen (205g für 180g Vinyl) und auch seine richtige Kerntemperatur, wenn er in die Presse gelangt

- der Randabschneider ist beheizt und sorgt somit für einen runderen, saubereren Rand der Platte.

- auf gute Qualität des Vinylgranulates achten. Man hat schon Schrauben in minderwertigen Mischungen gefunden.

 

Newbilt Schallplattenpresse im ZusammenbauFoto: Newbilt-Schallplattenpresse in der Montage

Im Laufe dieses Besuches ist zunächst einmal klar geworden, dass die Entwickler der Newbilt-Maschinen aus dem automotiven Bereich kommen. Es handelt sich hier um Ingenieurs-Know-How, um Maschinenbau und Automatisierungstechnik. Letztendlich haben sich hier kreative Köpfe ganz unterschiedlicher Herkunft zusammengefunden, um dieses Gerät zu entwickeln, wie es heute in vielen Presswerken steht und erfolgreich Schallplatten produziert.
Dann erkannte ich auch, dass hier nach den neuesten (deutschen) technischen und materiellen Standards entwickelt und gebaut wird. Das heißt auch unter Einhaltung der neuesten Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften. Eine Überbrückung von Sicherheitsschaltern zur flüssigeren Produktion ist durch das Zusammenspiel Maschinenbau und Software unnötig!

Entscheidend für uns Vinyl-Fans ist einmal die Erkenntnis, dass der Nachschub an Pressen für die Schallplatten-Produktion gesichert ist. Denn Newbilt ist nur eine von mehreren Firmen weltweit, die heute neue Maschinen baut. Aufgrund unseres Besuches wurde mir aber auch deutlich, dass die Qualität bei der LP-Fertigung sicherlich im Wesentlichen von erstklassig funktionierenden Maschinen abhängt, aber eben auch vom Faktor Mensch, der sie bedient und sauber hält. Gerade letzteres scheint heute zu dem zu führen, was so viele Schallplattenkäufer bemängeln. Dabei könnte es so schön sein. Und es funktioniert!

 

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