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Wenn Musik verzaubert, den Hörer ganz und gar in den Bann zieht... | Foto: CF Wesenberg

Was ist Onomatopoesie und woher stammen die eigenartigen Songtitel der neuen LP des Helge Lien Trio? Auf diese Fragen und einem ganz wichtigen klanglichen Aspekt möchte ich in dieser Rezension besonders eingehen. Denn „Guzuguzu" hat aus meiner Sicht das Zeug zur Jazz-Schallplatte des Jahres!

 

Helge Lien - Guzuguzu (LP, 180g Vinyl)

Poesie ist Musik und Musik ist Poesie. Lautmalerei ist davon nicht sehr weit entfernt und damit können durchaus viele etwas anfangen - bekannte lautmalerische Wörter sind z.B. „Wauwau" oder „Ticktack". Was aber versteht man mit Onomatopoesie oder noch genauer japanische Onomatopoesie? In Japan ist das Bilden neuer Wörter, die etwa Geräusche beschreiben, ein Stilmittel der Literatur. Und damit sind wir schon bei dieser Platte von Helge Lien und seinem Trio. Bis auf ein Stück - „Jasmine" (im Video zu hören) - entsprechen alle anderen Tracks der LP einem japanischen Begriff der Onomatopoesie. Damit hat Helge nicht etwa ein abstraktes und intellektuell abgehobenes Werk geschaffen, sondern vielmehr geniale Musik, die eine genauere Beschreibung verdient.

 

Guzuguzu - eine geniale Schallplatte

Helge Lien-Guzuguzu Vinyl OZ1070LPHelge Lien ist keiner, der die Harmonie-Linien gänzlich verlässt. Doch er füllt sie auf spannende Weise aus wie kaum ein anderer zeitgenössischer Pianist. Zwischen den Zeilen seiner wunderschönen Melodien lässt er genug Platz für reizvolle und überraschende Wendungen, auch für seine Mitspieler. Gerade diese LP ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass eine entspannte Jazz-Melodie durchaus verblüffende Seitenlinien haben kann, ohne die Grundtextur aufzugeben. In den Kompositionen von Helge Lien entstanden zunächst die Ideen, wie die Melodie klingen kann - das ist die eine Seite der Arbeit dieses Trios. Die andere ist die, im Studio über Improvisationen einem Lied verblüffende Aspekte zu verleihen und vielleicht den Grundgedanken noch besser zu unterstreichen.

Dem norwegischen Pianisten gelang dies zusammen mit Bassist Frode Berg und Schlagzeuger Per Oddvar Johansen so überragend gut, weil sie sich lange darauf vorbereitet hatten. Und als sie dann im Studio waren, ging alles ganz flüssig und die Songs wurden quasi in einem Take aufgenommen - ganz so, als wäre es ein Livekonzert. An dieser Stelle kommt noch der so wichtige Part - die Aufnahme selbst - zum tragen. Denn Tontechniker-Legende Jan Erik Kongshaug hat es geschafft, die magischen Momente, von denen es hier sehr viele gibt, ebenso einzufangen wie jeden einzelnen Augenblick mit seiner perfekten, akustischen Qualität. Jede Note wird dem Hörer auf einem Silbertablett präsentiert, es ist, als bekomme man ein Gourmet-Menü serviert.

Aus dieser überragenden Einspielung fällt es schwer, exemplarische Beispiele zu nennen, aber zwei eignen sich doch ganz gut, die Besonderheiten zu beschreiben:

Wie klingt ein Lächeln? „Nikoniko" ist eine so hinreissend schöne Melodie, bei der ein Zuhörer unweigerlich an schöne Dinge denken mag und sich wie selbstverständlich ein Lächeln in sein Gesicht zaubert. Frode Berg „hängt" sich mit seinem Bass an die Melodie des Klaviers und fügt so die improvisatorischen Elemente hinzu.

Gorogoro" - vor dem Donner kommt erst sanfter Regen. Helge spielt dies zu Anfang mit schnell gespielten, aber sehr einfachen re­pe­ti­tiven Akkorden. Das Zusammenspiel des Trios wird allerdings immer quirliger, ähnlich wie die Unruhe vor einem Gewitter. Drummer Johansen übernimmt natürlich die Rolle des Donners.

Wenn Musik verzaubert, den Hörer ganz und gar in den Bann zieht, dann wurde alles richtig gemacht! Von den Musikern, der Produktionsleitung, dem Aufnahmeteam und allen, die an einer solchen LP mitgewirkt haben. Das Helge Lien Trio hat mit der Schallplatte „Guzuguzu" nicht nur alles richtig gemacht, sondern wahrhaft ein Meisterwerk geschaffen! PS: Mein Musterexemplar ist eine superleise, nebengeräuscharme Pressung, ideal.

 

Fakten

Erstveröffentlichung: 21. April 2017
Label: Ozella Music
Bestell-Nummer: OZ1070LP
Pressung: Pallas
Inhalt: 180g Vinyl
Besonderheit: Klappcover, Limited Edition, Download-Code mit Bonus-Track

 

Besetzung

Helge Lien - piano
Frode Berg - bass
Per Oddvar Johansen - drums

Aufnahmen 2. - 4. September 2016 in den Rainbow Studios in Oslo

 

Trackliste

Seite 1

1. Gorogoro (Thundering) 4:35
2. Guzuguzu (Moving Slowly) 4:40
3. Nikoniko (Smiling) 3:55
4. Garari (Completely) 8:11

Seite 2

5. Jasmine 4:53
6. Chokichoki (Cutting) 6:27
7. Kurukuru (Spinning Around) 3:13
8. Shitoshito (Raining Quietly) 6:08

 

Der Video zu "Jasmine"

 

Kommentare   

0 #1 Dagobert Böhm 2017-07-11 08:30
Danke für diese wunderschöne Review Manfred, aber diese Produktion hat sie wirklich verdient. Es waren drei ganz besondere Tage im Rainbow Studio. Das Trio war dermaßen gut eingespielt, es lief noch toller als bei "Hello Troll" und "Natsukashii." Wir waren derartig begeistert nach dieser Aufnahmesession , schön, daß sich das in deiner Review widerspiegelt. Vielen Dank!
Dagobert Böhm (Produzent Ozella Music)
www.ozellamusic.com
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